„Irdisch lieben heißt für uns: sterben!“

Tagelang grübelte ich über diese Worte nach; sie wühlten schroffen Widerspruch in mir auf und dann war’s doch wieder, als müßte ich mich ihnen beugen. Meine Lieder bekamen von diesen Grübeleien den dunklen Ton des Schmerzes und der Entsagung, und als ich zu Weihnachten Heri heimlich das Heftchen einhändigte, da fragte sie mich am nächsten Tage: „Warum schreibst du so traurige Lieder?“

„Heri, sieh, es kommt oft so über mich; ich muß dann denken, du gehörtest einem anderen und das – Heri – das stimmt mich so, daß ich am liebsten sterben möchte.“

„Was du für sonderbare Gedanken hast!“ sagte sie erstaunt und setzte nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu: „Denkst du jetzt auch ans Sterben?“

Sanft schmiegte sie sich an mich und ihre Augen leuchteten so süß und ihre Lippen blühten so sehnsüchtig zu mir auf, daß ich alle Todesgedanken vergaß, sie in die Arme schloß und meine ganze Seele in einem langen, langen Kuß ausströmen ließ.

Während ich im Glück meiner jungen Liebe versank, hatte sich in der Anstalt Oskars Schicksal erfüllt. Da er keine Eltern hatte, war er in der Anstalt verblieben und benutzte die Ferientage zu fleißigem Zeichnen und Malen. An einem Tage war er nachmittags mit seinem Skizzenbuch fort, um eine Winterlandschaft nach der Natur zu zeichnen. Dabei hatte er sich erkältet und nun kam die Krankheit zum Ausbruch, der auch sein Vater in jungen Jahren erlegen war: die Lungenschwindsucht.

Am Sylvestertage war er ins Spital transportiert worden und als ich am Abende des Neujahrstages wieder in der Anstalt eintraf, war es das erste, was ich erfuhr, daß Oskar rettungslos verloren sei. Das Leiden war mit solcher Heftigkeit aufgetreten, daß ihm nur mehr einige Wochen zum Leben vergönnt sein konnten.

Diese Nachricht traf mich wie ein Keulenschlag, und als ich an dem ersten Tage, an dem wir freien Ausgang hatten, zu ihm eilte und an sein Bett trat, da mußte ich all meine Kraft zusammennehmen, um mich nicht aufschluchzend über ihn zu werfen.

Zum Glück hatte er selbst keine Ahnung, wie es um ihn stand, und schimpfte nur über den Doktor, der ihn wegen einer Bronchitis da hierher ins Spital habe bringen lassen. Es sei ja gar nicht übel hier, die Krankenschwester sei sehr lieb zu ihm, aber wenn er im Krankenzimmer der Anstalt hätte bleiben können, wäre es ihm doch lieber gewesen, weil dann ich jeden Tag ein paarmal zu ihm hätte kommen können. Und er hätte mir so viel zu sagen, nun aber falle es ihm nicht ein und – er begann zu husten, trocken und heiser, minutenlang, ohne aufzuhören – jetzt könne er es auch nicht wegen der blödsinnigen Husterei.

Er konnte die letzten Worte, vollständig erschöpft, nur flüstern, und dann sank er in die Kissen zurück. Müde schloß er die Augen und wären die hektischen Rosen auf seinen Wangen nicht gewesen, man hätte ihn für tot halten können.