„Hier?“

„Nein, zu Hause. Du kennst sie ja. Es ist das Mädchen, mit dem du mich wohl in Begleitung einer älteren Dame, ihrer Tante, einige Male spazieren gehen gesehen hast.“

„O, ich weiß schon, die Oberforstverwalterstochter aus euren Bergen, das Mädchen mit den wundervollen dunklen Augen!“

„Sind dir auch ihre Augen aufgefallen?“

„Ich sehe mir jeden Menschen nur auf seine Augen an. In diesen liegt sein Charakter und sein Wesen und die Entscheidung, ob er ein Herdentier oder ein Höhenmensch ist.“

„Und was hast du aus den Augen meiner Heri gelesen?“

„Ich sah sie nur flüchtig, aber wie gesagt, ihre Augen sind mir aufgefallen, es war ein so unergründliches Leuchten drinnen. Aber erzähl mir von ihr!“

Und ich erzählte und schwärmte.

Er hörte mir, das Haupt gedankenvoll gesenkt, zu, dann, als ich endlich schwieg, sagte er und seine Worte fielen langsam, wie kühle Tropfen, von seinen blassen, schmalen Lippen: „Schön muß es wohl sein, zu lieben und geliebt zu werden. Aber uns, Heini, darf die Liebe nicht in Gewalt bekommen. Uns darf sie nur Sehnsucht, nicht Erfüllung sein. Wir sind nicht geboren zum Glück im gewöhnlich menschlichen Sinne, sondern zum Schöpferglück. Lieben, irdisch lieben heißt für uns: sterben.“

Wie immer, wenn er so hohe Worte sprach, wußte ich auch auf diese Rede nichts zu sagen. Da war ein Geist, der mir fremd war, der mir Scheu einflößte, vor dem sich meine Seele in sich zusammenkauerte wie ein Kind, dem sich im Dämmerlicht etwas Großes, Angsterregendes nähert. In solchen Augenblicken fühlte ich Oskars unendliche Überlegenheit und wußte nicht, daß diese Frühreife das Todeszeichen war, das ihm sein Schicksal auf die gedankenvolle Stirne gezeichnet hatte.