Ich blieb jetzt auch öfter, wenn allgemeiner Ausgang war, zu Hause, um meine Gedichte in ein Heftchen zu schreiben, dessen Blätter ich sorgfältig mit roter Tinte umrandet hatte und das ich dann binden lassen und Heri überreichen wollte.
Und bei dieser Arbeit überraschte mich an einem Nachmittage Oskar.
„Was schreibst du da?“ fragte er und griff nach dem Heft.
Ich wollte es ihm wegnehmen, aber da sah er mich so groß und fragend an, daß ich die Hand sinken ließ. Und nach einer Weile sagte er: „Sind wir nicht Freunde, Freunde“ – er betonte das stark und eindringlich – „Heini?“
Ich senkte beschämt den Kopf und er fuhr fort: „Wenn du nicht willst, daß ich lese, was du da geschrieben hast, so will ich gerne darauf verzichten. Aber ich müßte mir sagen, daß du nicht das rechte Vertrauen zu mir hättest und das, Heini, das täte mir wohl recht, recht weh!“
Nun fand auch ich wieder die Sprache: „Nein, nein, Oskar, lesen kannst du das schon. Aber weißt du, es ist halt nichts Besonderes, und ich hätte dir gerne etwas Besseres gezeigt.“
„Kein Meister ist vom Himmel gefallen und wir, die aus Eigenem lernen und werden müssen, wir werden noch lange brauchen, bis daß wir mit uns selbst zufrieden sein können. Darf ich also lesen?“
Ich nickte, und während ich mit klopfendem Herzen seine Mienen beobachtete, las er langsam Seite um Seite.
Dann legte er das Heft auf den Tisch, strich sich nach seiner Gewohnheit ein paarmal über die Stirne und fragte dann: „Lebt diese Frau, von der diese Lieder singen, oder ist sie nur ein Gebilde deiner Phantasie?“
„Sie lebt.“