Und ich neigte meine Lippen auf die ihren, die sehnsüchtig zu mir aufdürsteten.
Eine Weile standen wir so ganz in Seligkeit versunken, dann fragte ich leise: „Und wirst du mir treu bleiben?“
„Ewig, Heini!“ entgegnete sie ebenso leise.
In diesem Augenblick begannen im Dorfe die Glocken zur nachmittägigen Vesper zu läuten, und auf den frommen, frohen Klängen schwang sich die Andacht der ersten Liebe jubelnd zum Himmel empor.
VI.
Ewig! Wie leicht sich das spricht, wenn der Frühling das Blut durch die Adern treibt. Als ob es auf Erden außer dem Leben im allgemeinen überhaupt etwas Ewiges gäbe! Aber das Herz glaubt in kindlicher Ergriffenheit das Märchen, und der Frühling ist der größte und beste Märchenerzähler. Heute hat er mich an der Hand genommen und hat mich durch sein buntes Reich geführt. Die Sonne lag so warm auf dem Wald und streichelte mit ihren goldenen Strahlenfingern die ernsten Tannen und Fichten, daß es wie lächelnde Verklärung über ihre dunklen Häupter ging. Der Waldgrund bis zum See hinunter ist ein einziges Blühen. Gelb, Blau, Weiß und da und dort ein Tupfen Rot bedecken in kühnen Flächen den Boden und darüber summte es von unzähligen flügelblitzenden Wesen, die sich aus den Kelchen auf ihre Weise ihren Frühlingsrausch trinken. Und auch die Schmetterlinge sind schon da: der goldbraune Fuchs und der hellgelbe Zitronenfalter. Von Blüte zu Blüte taumeln sie und dann steigen ihrer zwei in kreisenden Wirbeln empor, hoch, hoch hinauf in das strahlende Ätherblau. Und ein leiser Wind ist da und trägt aus all den blühenden Weiten und Winkeln den Duft herbei und mit dem Duft zugleich den Gesang der Vögel, die auf allen Zweigen jubeln und schmettern, als sollte es ihnen die kleine, glückgeschwellte Brust zersprengen. Frühling! Und die junge Seele, die sich zum ersten Male seiner bewußt wird, die von der Sonne der Liebe zum ersten Blühen aufgeküßt wird, sie sieht Nähen und Weiten von seinem Walten erfüllt und meint, das könne nun nie mehr anders werden. Und wie sollte sie es auch wissen, daß der Frühling nur dazu da ist, das Vergängliche mit Ewigkeitsträumen zu erfüllen, auf daß es willig werde, den ewigen Lebenszwecken zu dienen. Ewigkeitstraum, Ewigkeitsrausch, das ist der Frühling. Aber aus Traum und Rausch gibt es ein Erwachen, und dann kommt die Reue und der Haß, und dieselben Lippen, über welche begeisterte Loblieder auf den Frühling geflossen sind, pressen Fluch auf Fluch hervor. Auch ich habe dem Frühling geflucht, der mir Heri in den Arm legte. Aber heute weiß ich, daß es so sein mußte, und ich wäre nicht der glückliche Mensch, der ich heute bin, wenn jener Frühling nicht gewesen wäre. Glücklich! Bin ich’s denn? Nein. Ich bin weder glücklich noch unglücklich, das sind Ausdrücke aus der Dumpfheit des Menschentums. Ich bin, schlechthin „ich bin.“ Ich bin der Frühling und der Winter, ich bin die Sonne und die Blume, ich bin ein Stück Natur, unvergänglich im Wesen, vergänglich in der Gestalt: ich bin der Friede, ich, der Einzige auf der weiten Welt!
Doch ich muß erzählen.
Als ich nach den Ferien wieder in die Anstalt kam, war in meinem Wesen eine so große Veränderung vor sich gegangen, daß auch Oskar aufmerksam wurde. Ich stürzte mich mit einem Eifer auf mein Studium, als gälte es, in einem Monat alles zu bewältigen, wozu mir noch zwei Jahre bevorstanden. Ich mied die Kameraden mehr als jemals, und auch mit Oskar kam ich weniger zusammen als je. Ich wollte allein sein, denn Lied auf Lied sproßte aus meinem Herzen empor, und wenn ich mir heute auch sagen muß, daß das meiste nicht einmal für einen der übel beleumundeten Goldschnittbände von Liebeslyrik getaugt hätte, damals fühlte ich doch über jeden Vers und jeden Reim ein Glück, das mich wie auf Engelsschwingen zum Himmel trug, in dem Heri als Gottheit auf leuchtendem Throne saß.