Mir klopfte das Herz bis zum Halse herauf. Jeden Augenblick mußte Heri, meine schöne Heri erscheinen.

Der Kutscher stand am Wagenschlag und spähte in die Halle des Vestibüls, nun zog er seinen Hut und neben der Tante erschien Heri. Sie war in einem grauen Reisekleid und zum ersten Male sah ich, daß sie eine junge Dame war. Bisher war sie mir nur ein Mädchen gewesen, und trotz der Liebe und der Küsse war sie für mich noch immer der alte, eigensinnige Wildfang aus unserer Kinderzeit. Nun aber war sie eine wirkliche Dame und ich – mein Blick glitt unwillkürlich an meinem vernachlässigten äußeren Menschen hinab – ich war ein armes Studentlein, sonst nichts.

Die beiden Damen waren inzwischen in den Wagen gestiegen, in den ein Gepäckträger Koffer und Schachteln in allen Größen verstaute, so daß der nun seinen Sitz erkletternde Kutscher kaum mehr Platz fand. Ein leichter Ruck an den Zügeln und der Wagen rollte gegen mich heran. Als er an der Kastanie eben vorüberfuhr, hinter der ich mich verborgen hatte, neigte ich mich mit halbem Leibe vor, aber die beiden im Wagen waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie mich nicht sahen.

Ich hatte heimlich gehofft, Heris Blicke würden mich suchen, aber nichts davon war der Fall gewesen. Das setzte meine ohnehin schon ganz gedrückte Stimmung noch um vieles herunter und aufs neue befiel mich jenes furchtbare Verlassenheitsgefühl, das mich nach ihrem Briefe überkommen hatte.

Ich trat vollends aus meinem Versteck hervor und schritt dem rasch sich entfernenden Wagen nach. In meinem Herzen war es so öd und leer und ich kam mir vor wie ein Mensch, dem man sein letztes bißchen Hab und Gut genommen und den man dann in graue Nebelnacht hinausgestoßen hat.

Und dieses Gefühl wurde verstärkt durch das Gespräch zweier Offiziere, die hinter mir her ebenfalls vom Bahnhof zur Stadt schritten.

„Hast du die junge Dame gekannt, die mit der Frau Oberstin fuhr?“ fragte der eine.

„Gekannt habe ich sie nicht; aber jedenfalls dürfte das die Nichte sein, von der sie unlängst im Kasino erzählte, daß sie sie hier in die Gesellschaft einführen wolle.“

„Ein ganz verdammt und apart hübsches Mädel! Unsere Damen hier werden über die importierte Konkurrenz nicht besonders entzückt sein. Ist sie auch reich?“