Es war ein herrlicher Abend. Die Bäume blühten über und über. An all den verschiedenen fremdländischen Sträuchern hingen Lasten von Blüten in allen Farben und in der weichen Luft lag ein wundersamer Duft.
Die ganze vornehme Welt der Stadt wogte auf den glitzernden Kieswegen auf und ab, die Damen alle in neuen, duftigen Toiletten, Frühling auf den Hüten, Frühling in den Augen.
Und da kam auch Heri daher. Ein weißes, spitzenbesetztes Kleid umschloß ihre schlanke, biegsame Gestalt, ein meergrünes Band, das in breiter Schleife an der Seite herabfiel, war der einzige Schmuck des Kleides. Unter dem rosenumwundenen Hut fielen ihre dunklen Locken in freien Wellen hernieder und ihre unergründlichen Augen schimmerten und blitzten in die tiefsten Tiefen hinein. Wie eine Nixe so schön war sie. An ihrer Seite schritt der Oberleutnant, heiter auf sie einsprechend, und ich sah es ihm an, wie sehr er von dem Liebreiz der holden Mädchengestalt an seiner Seite begeistert war. Hinter den beiden schritt die Tante in eifrigem Gespräch mit einer etwa gleichaltrigen Dame, wahrscheinlich der Mutter des Oberleutnants.
Ich schlich von der Ferne hinter den vieren drein, und mein Herz schlug zum Zerspringen. Eifersucht, Haß, wildester Schmerz, das alles tobte in wilden Wirbeln durch meine Seele. Mir war’s, als müßte ich hinspringen und Heri von der Seite des Oberleutnants reißen und im nächsten Augenblicke hätte ich wieder am liebsten aufgeweint in namenlosem Schmerz. Und da hielt ich es endlich nicht mehr länger aus und ich eilte aus dem menschenwimmelnden Parke fort und hinaus in die Au, wo ich mich schluchzend wie ein Kind niederwarf. Und während von ferneher leise die wiegenden Klänge der Musik an mein Ohr drangen, weinte ich meinen Jammer in die junggrüne Frühlingserde hinein.
Dann setzte ich mich auf und begann zu grübeln. So konnte es nicht fortgehen, etwas mußte geschehen. Aber was? Ich sann und sann. Aber weder jetzt noch in den nächsten Tagen konnte ich zu einem Entschluß kommen. Ich zermarterte mir das Gehirn und hatte ich schon bisher mein Studium arg vernachlässigt, so wurde ich nun ganz unfähig, auch nur eine Seite zu lernen, einen Vortrag im Gedächtnisse zu behalten.
Und da ließ mich eines Tages mein Klassenvorstand, ein gemütlicher, mir wohlwollender Herr, rufen und sprach: „Sie Binder, ich muß Sie aufmerksam machen, daß es mit Ihnen sehr, aber schon sehr schlecht steht. Wenn Sie jetzt nicht allen Fleiß aufbieten und alle ihre Kräfte – und diese sind nicht unbedeutend – dem Studium zuwenden, so erleben Sie eine Katastrophe. Ich habe Ihnen bisher immer die Stange gehalten; in Zukunft könnte ich es aber nicht mehr tun. Was, zum Teufel, ist denn in Sie gefahren? Reden Sie doch!“
Ich schwieg.
„Na ja,“ polterte er, „das ist die alte Geschichte; wenn man fragt, dann erfährt man nichts. Wahrscheinlich, weil eben nichts dahinter ist als ein bißchen allzuviel Bequemlichkeit und ein Kopf voll Flausen. Sie wollen Dichter werden. Habe davon was läuten gehört. Merken Sie sich aber das: wer Dichter werden will, muß einen vollen Kopf haben. Geist und Herz müssen etwas zu verarbeiten haben, sonst bleibt einer ewig ein Stümper, ein Handwerker. Und übrigens: dazu haben Sie noch lange, lange Zeit. Jetzt ist das Studium Hauptsache. Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Stipendiat sind. Fallen Sie durch, so ist’s damit aus. Dann können Sie Schuster werden! Also seien Sie vernünftig, Binder!“
Damit reichte er mir die Hand und ich war entlassen.
Diese Unterredung war entscheidend. Ich sah ein, daß es so nicht mehr weitergehen könne. Ich mußte so oder so zur Ruhe gelangen und das war nur möglich, wenn ich mit Heri selbst sprach. Ich mußte wissen, wie es zwischen uns stehe.