Nach ein paar Tagen erhielt ich einen Brief. Er war aus der Heimat, von Marieli. Sie schrieb:
Lieber Heini!
Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt, daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini, denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweil in meinem Gebetbuch gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil an Dich. Gelt?
Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter.
Deine
Marie.
Lieb und heimattraut wie die schlichten Zeilen sahen mich die trockenen, blaßblauen Blütensternlein an. Marielis Bild stieg in seiner ganzen reinen Lieblichkeit vor meinen Augen auf und durch mein Herz zog in süßwehem Schauer das Heimweh nach dem stillen Waldtale, nach der Bohnenlaube und nach meiner treuesten Jugendfreundin.
Die folgenden Tage waren Tage heißester Seelenkämpfe. Der Eindruck, den der Besuch meiner Mutter und der Brief Marielis hinterlassen hatten, rangen machtvoll gegen meine unselige Liebe zu Heri. Ich sah den Weg, der mich aus all meiner Pein hinausführen konnte; aber wenn in meiner Erinnerung die Stunde auftauchte, da Heri ihr Köpfchen an meine Brust gelehnt und mir mit süßschimmernden Augen ihre Lippen geboten hatte, dann versank all mein herber Stolz, mein besseres Wollen in einem Strom wahnsinniger Sehnsucht.
So war der erste Mai gekommen, an welchem Tage immer das erste Parkkonzert stattfand.
An diesem Tage erhielten auch wir Anstaltszöglinge immer die Erlaubnis, bis zum Abendessen ausgehen zu dürfen, und so konnten wir auch das Konzert anhören, das um fünf Uhr begann.