Jetzt aber, da mir aus der Stimme der Mutter aus dem Zittern derselben der ganze Strom der Liebe entgegenquoll, da brachen alle Fesseln und Bande, die bisher mein Herz umschnürt hatten, und aufschluchzend preßte ich mein Gesicht in ihren Schoß und schrie es heraus mit ein paar Worten, was mich seit Oskars Tod zerquält und zermürbt hatte, schrie es heraus mit ein paar Worten: „Mutter, ich bin so unglücklich.“

Und wie als Kind fühlte ich ihre Hand mit sanftem Streicheln auf meinem Haar, immerzu, immerzu, und dann hob sie mir endlich den Kopf empor, küßte mich mit andächtiger Innigkeit und sagte leise: „Sei ruhig, Heini! Ich verlaß dich nicht. Schau, sag mir alles, vielleicht wird dir dann leichter.“

Und da stieß es mir alles heraus, was mich drückte: daß ich mich unter meinen Kameraden vereinsamt fühle, daß ich keinen hätte, der mich verstände, keiner mein Streben, denn ich wollte ja doch kein gewöhnlicher Mensch bleiben, sondern etwas Besonderes werden.

„Aber siehst du, Mutter,“ fuhr ich fort, „das gilt ja bei all den Leuten nichts. Da gilt nur der Reichtum und das schöne Gewand und wenn man den Leuten schön tun kann. Und das kann ich nicht, das werd ich nie können! Für mich wäre es am besten gewesen, ich wäre zu Hause geblieben, da wäre ich ein einfacher und glücklicher Mensch geworden. Nun aber ist’s zu spät. Nun kann ich nur mehr vorwärts und vor mir liegt doch nur das Elend. Mit den andern kann ich nicht gehen und allein sein, ganz allein sein, keinen Menschen haben – Mutter, laß mich wenigstens du nicht allein!“

Sie zog mich aufs neue an sich, und mit einem tiefen Aufseufzen sagte sie leise und strich mir wieder lind und tröstend übers Haar: „Mein armer Bub!“

Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo sich die Promenadewege belebten. Wären wir noch eine Zeitlang allein gewesen, vielleicht hätte ich ihr doch noch den Grund all meines Jammers geklagt, meine Liebesnot. Nun aber fand sich keine Gelegenheit mehr.

Auf dem Wege zum Bahnhof sagte sie mir noch manches gute und tröstende Wort und als sie in den Eisenbahnwagen stieg, reichte sie mir nochmals die Hand, – einen Kuß vor all den vielen und meist vornehmen Leuten wagte sie nicht und auch mich hielt die alte Scheu davor zurück, obwohl es in mir stürmte und drängte, mich ihr an die Brust zu werfen.

„Leb wohl, Heini,“ sagte sie, „tu brav lernen und alles andere überlaß unserem Herrgott, der wird schon alles wieder recht machen. Ich werd schon fleißig für dich beten.“

Die Lokomotive pfiff, meine Mutter winkte noch mit der Hand und dann mit dem Taschentuch, und das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie das Tüchlein an die Augen drückte.

Mir war, ich müßte dem Zuge nachstürzen und rufen: „Mutter, nimm mich mit!“ – aber ich mußte ja hier bleiben und mit einem unbeschreiblichen Weh im Herzen trat ich den Heimweg an.