Eine Weile saßen wir so und sahen in die junge Frühlingspracht hinein. Das erste grüne Gras, licht und frisch, leuchtete auf den Wiesen und über dasselbe erhoben sich gleich wahllos dort und da in die Erde gesteckten Blütensträußen die blühenden Kirschen- und Weichselbäume. In der sonnenflimmernden Luft jauchzten überall die Lerchen und gerade über uns sang ein Buchfink sein ganzes Glück in die Welt hinein. Und die Sonne war so warm, fast heiß, und in ihren Strahlen glitzerten und gleißten die fernen Kuppeln und Dächer der Stadt.

„Ich weiß nicht, Heini, was das ist,“ fing meine Mutter endlich zu sprechen an, „daß ich jetzt immer so rasch müde werde.“

Ich versuchte sie zu beruhigen: „Ach, das ist nur die ungewohnte Wärme. Daheim ist’s wohl noch lange nicht so!“

„Freilich nicht, aber warm ist’s bei uns auch schon, ganz ausnahmsweise heuer. Aber das hat mit meiner Müdigkeit nichts zu tun. Die liegt mir jetzt immer so in den Gliedern. Und weißt, das Herzklopfen, das ewige Herzklopfen, das ängstigt mich halt so. Heini, ich mein, du hast deine Mutter nicht mehr gar zu lang.“

Ich sprang auf diese Worte nicht auf, ich war nicht niedergeschmettert; mir war es nur, als ginge da draußen einer, ein dunkler, unbekannter Allmächtiger über die Felder und löschte auf ihnen die hellen Frühlingsfarben und -lichter aus, zöge ein graues Gespinst um die blühenden Bäume und schnüre den Lerchen und Finken die Kehle zu.

Erst nach einer geraumen Weile konnte ich ein paar Worte hervorbringen und sie kamen mir aus tiefstem Herzen.

„Mutter,“ bat ich, „das mußt du nicht sagen. Schau, wen hab ich denn dann noch? Ich werde ja so von Tag zu Tag immer einsamer!“

„Du, Heini, du, in deinen Jahren?“

Nicht nur Befremden, schmerzlichste Besorgnis klang aus den paar Worten und plötzlich faßte sie meine Hände, zog mich an sich und sagte zärtlich: „Heini, sag mir, was dich drückt, sag mir’s, deiner Mutter. Ich bin wohl ein einfaches Weib und hab nit viel gelernt, aber deine Mutter bin ich und du, du –“ ihre Stimme zitterte – „du bist ja mein einziges Kind!“

Ich liebte meine Mutter aus ganzem Herzen und sie mich; trotzdem beschränkte sich das Maß unserer äußeren Liebesbezeugungen auf das im Volke meiner Heimat übliche Maß. Wir küßten uns nie; das stille innige Aufleuchten der Augen beim Kommen oder Abschiednehmen mußte genügen. Von den Vertraulichkeiten und Zärtlichkeiten, die in den Häusern der Vornehmen die Liebe zwischen Eltern und Kindern bekunden, war bei uns nichts zu bemerken. In keuscher Scheu hielt jedes den Reichtum seiner Liebe in sich zurück und nur in Gedanken umarmten und küßten wir uns und sagten uns gegenseitig alles, was uns das Herz erfüllte.