Wie hehr und feierlich erschien mir im Winter meine schweigende Schneeeinsamkeit! Wie schön war es, den Frühling in seinem Werden und Wachsen und Gehen zu belauschen! Und nun ist der Sommer da, nicht der brütende, gewitterschwüle Hochsommer, nein, vorerst nur der Vorsommer, der mit behutsamer Hand die letzten Blüten von den Bäumen löst und langsam die ersten Früchte reift. Aber auch jetzt ist meine Einsamkeit schön, schön zum Jauchzen.

Die Bergtannen haben ihre rosaroten Blütenkerzen aufgesteckt und wie ein feiner Rauch schwebt um sie summend der Schwarm der mannigfaltigsten Insekten. Die Buchen haben nun auch endlich ihr Laub entfaltet und das junge Hellgrün lodert wie Flammen der Hoffnung durch das ernste Dunkel der Tannen und Fichten. Um die Berggipfel ziehen duftige blaue Schleier, die gemeine Deutlichkeit der Konturen verhüllend, und die ganze Natur hat den Ausdruck banger Sehnsucht, zager Erwartung der Erfüllung, die kommen muß.

Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen. Es ist nur merkwürdig, daß diese Binsenweisheit, die nun bald jeder Schuljunge im Munde haben wird, noch so wenig Gegenstand wahrer innerer Erkenntnis, so wenig Glaubenssache geworden ist. Wie könnten sonst die Menschen solche Don Quijote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Notwendigkeit unternehmen! Wie könnten sie von Zufall sprechen und Dingen eine Bedeutung beimessen, die sie gar nicht besitzen? Es gibt keinen Zufall, es gibt nichts Äußerliches, was auf das Leben eines vollendeten Menschen bestimmend einwirken könnte. Wo der Zufall ein Leben in andere Bahnen gelenkt hat, war es, weil er eine unentwickelte Seele, unreifes Menschentum getroffen hat. Der reife Mensch ist Herr, nur darf man eben Reife nicht von einer gewissen Anzahl von Jahren abhängig machen.

Ich war damals, als mich der fremde Mann auf dem Friedhofe in so merkwürdiger Weise ansprach, nicht reif. Ich war es auch viel später nicht. Und weil ich damals nicht reif war, konnte mich dieser Zufall in seine Gewalt bekommen.

„Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals!“ Dieses zynische Wort ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich grübelte darüber Tag und Nacht, ich wehrte mich dagegen, gegen seine Brutalität, und doch, ich brachte es nicht los; es klang mir in den Ohren, es starrte mich plötzlich aus meinen Büchern an und es fiel mir auch ein, von meinen Kameraden ähnliches gehört zu haben, wenn sie von ihren Ferieneroberungen sprachen.

Die Ostern waren gekommen und ich blieb zum ersten Male in der Anstalt. Meine Mutter hatte mir endlich auch von ihrem Herzleiden geschrieben und mir angedeutet, daß es ihr für diesmal lieber sei, wenn ich nicht nach Hause kommen würde. Sie fürchtete die Aufregung, die sie jedesmal befiel, wenn ich wieder fortging. Auch hatte sie erfahren, daß meine Lernerfolge nicht so waren, wie es sein sollte und deshalb meinte sie, ich solle die Feiertage nur recht fleißig zum Lernen benützen. Daß ich zu Hause nur wieder planlos umherstreifen würde, wußte sie ja. Überdies stellte sie mir, allerdings nicht ganz sicher, in Aussicht, daß sie in der Karwoche in die Stadt kommen würde.

Sie kam aber nicht. Desto größer war meine Überraschung, als sie vierzehn Tage später, ohne daß sie mich vorher verständigt hatte, plötzlich vor mir stand. Sie hätte Heri allerlei von zu Hause bringen müssen, sagte sie, und außerdem wäre ihr auch der Auftrag zuteil geworden, Leinwand zu neuer Bettwäsche für das Dienstpersonal einzukaufen.

Es war ein warmer, goldener Apriltag und wir gingen mitsammen die Promenadewege durch die Au.

Wir sprachen wenig. Nachdem mich meine Mutter über meine Lernerfolge ausgefragt hatte und ich sie, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß, getröstet hatte, daß ich am Schlusse des Schuljahres wieder ein ganz gutes Zeugnis haben werde, ging sie stillschweigend neben mir her.

Bei einer Bank unter einem schon über und über blühenden Waldkirschenbaum blieb sie stehen und sagte: „Setzen wir uns hier ein wenig nieder. Ich bin so müde.“