In meinem Kopfe hatte es gestürmt. Verstiegene Pläne, prahlerische Zukunftsbilder hatten mich wie ein Fieberwahn überfallen gehabt. Vor diesem Grabe aber fiel alles plötzlich von mir ab wie Reif von einem Zaune, auf den die Sonne scheint. Das war ja alles Unsinn, Phantastik, mußte ich mir sagen, und da befiel mich so eine tiefe Verzagtheit, ein so wundwehes, sterbensschweres Gefühl, daß ich unwillkürlich in die Knie sank und bitterlich zu weinen begann.
Da tippte mir plötzlich wer auf die Schultern, und als ich aufspringend mich umwandte, stand ein Mann mit mächtigem Vollbart, der früher rot gewesen war, nun aber ein fahles Gelbgrau zeigte, vor mir und sagte etwas spöttisch: „Fassen Sie sich, junger Mann, es geht alles vorüber!“
Ich sah ihn halb erstaunt, halb erschreckt an. Konnte der in meiner Seele lesen?
„Hier liegt mein liebster Freund,“ sagte ich.
„Glaub ich Ihnen sehr gerne. Aber wegen ihm weinen Sie nicht. Merken Sie sich das eine: Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals. Wenn Sie diesen Rat befolgen, werden Sie auch dem seine Ruhe lassen, der da unten liegt! Nichts für ungut. Adje!“
Er zog den Hut und ließ mich stehen. Ich sah ihm nach. Der Wind wehte seinen mißfarbenen Bart über die Schultern zurück, sein offener Überrock flatterte, den Kopf hatte er eingezogen, wie wenn er sich damit gegen den Sturm anstemmen wollte. Ein Bild fiel mir ein: der Mann sah ihm gleich, dem ewigen Wanderer, Ahasver, der auf Erden nicht Frieden finden kann, weil er die Liebe nicht kannte.
VIII.
Ich mußte gestern mein Schreiben unterbrechen. Ein Brandgeruch ließ mich zu meinem Meiler eilen und es war höchste Zeit: noch eine Viertelstunde und alles wäre in Flammen aufgegangen. Weiß der Himmel, wie die Rasenbedeckung an der einen Seite zu dem Loch gekommen war. Ich habe gewiß mit aller Umsicht gearbeitet, wie immer den Meiler aufgeführt und meiner Wächterpflicht zu keiner Zeit vergessen. Und doch wäre auf ein Haar der ganze herrliche Stoß von Bergfichtenholz statt zu Kohle zu Asche geworden.
Und übrigens war es ganz gut, daß ich in meiner Schreiberei unterbrochen wurde. Ich merke, es tut mir nicht gut, mich in diese alte, Gott sei Dank, versunkene Zeit und ihre Schmerzen hineinzuwühlen. In dem Bestreben, wahr zu sein und so zu schildern, wie ich damals empfand, errege ich mich manchmal doch wieder und bedarf dann einiger Zeit, mein pochendes Herz zur gewohnten, süßen Ruhe zu zwingen.
Freilich ist keinem das besänftigende Mittel in so reichem Maße gegeben wie mir. Ich brauche ja nur die Augen zu erheben und von allen Seiten strömt es mir zu, in Licht und Farben; meine Augen trinken und trinken und meine Seele wird gesund und still.