Die Tante lobte meinen Eifer, doch entging mir das feine Lächeln durchaus nicht, das um ihre Mundwinkel zog. Gewiß, sie wußte, daß es nur eine Ausrede sei, was ich da vorgebracht hatte, aber warum ich ausbleiben wollte, das wußte sie doch nicht.

Als Heri wieder eintrat, rief sie ihr entgegen: „Denk dir, Heri, Herr Heini will seine Besuche bei uns einstellen. Er hat so viel zu lernen, der Arme.“ Sie sah mich bei diesen Worten mit einem Blicke an, der Teilnahme hätte ausdrücken sollen; aber ein triumphierendes Leuchten strafte diesen Versuch zur Heuchelei Lügen.

Heri hatte meinen Brief gelesen, ich sah es ihr an, aber ich wurde mir über seine Wirkung nicht klar. Ihr Gesicht zeigte weder Staunen, noch Trauer, noch Zorn, es war unbewegt, wie ich es nie an ihr gesehen hatte. Und ihrem Gesichtsausdruck entsprach auch die Antwort, die sie der Tante gab: „Ich weiß, Heini hat mir schon davon gesagt. Übrigens immer wird er ja auch nicht studieren. Dann und wann kommst du schon wieder, nicht?“

Auf diese letzten, direkt an mich gerichteten Worte erwiderte ich gepreßt: „Das weiß ich wohl noch nicht. Das hängt ganz von den Umständen ab.“

Ich ließ mich auch nicht bewegen, heute noch zu bleiben, denn um keinen Preis wollte ich mit dem Oberleutnant zusammentreffen, ich hätte es nicht ertragen können. Ich verabschiedete mich und als ich die Haustüre hinter mir zugemacht hatte, war mir, ich hätte mit meinem bisherigen Leben abgeschlossen. Nun mußte ein neues Kapitel kommen.

Ich weiß heute noch nicht, wie es mir plötzlich einfiel, den Friedhof aufzusuchen. Aber ich fand diesen Gedanken groß und bedeutend. Am Grabe der Freundschaft wollte ich mein neues Leben beginnen, ein Leben der Entsagung, um nachher ein desto größeres Glück zu gewinnen. In meinem Kopfe wälzten sich ja große Pläne. Eine Dichtung wollte ich schreiben, in welcher aller Jammer und alle Sehnsucht der Menschen klagen sollte, in mein eigenes blutendes Herz wollte ich die Feder tauchen und wenn mir dann Erfolg beschieden war, dann wollte ich vor Heri treten und dann, das wußte ich, sank dieser Mann im bunten Rock in seine eigene Bedeutungslosigkeit zurück.

Ein frischer Frühlingswind ging über den stillen Gottesacker, dort und da raschelten die dürren Blätter eines vergilbten Kranzes; die langen, schon grünen Locken der Trauerweiden wehten auf und nieder und mit leisem Rauschen bogen sich die Zypressen hin und her, und es war anzuhören wie ein tiefes, schweres Atmen. Aber dort und da sproßten auf den Gräbern schon Schneeglöcklein und Leberblumen, und von der alten Friedhofmauer her dufteten die Veilchen und die Sonne lag schimmernd auf den weißen Marmordenkmalen und dem verblassenden Gold der Inschriften, daß doch auch hier an der Stätte des Todes ein Hauch des Frühlings zu fühlen war, der außerhalb der Mauern siegreich durchs Land der Lebenden ging.

Und nun stand ich vor Oskars Grab. Der Hügel war noch nicht ordentlich aufgeschichtet. An den Rändern war die Erde in das Grab gesunken und darauf lagen teils dürr, teils faulend die letzten Reste des Kranzes, den wir Kameraden dem Toten geweiht hatten. Auf den von Schnee und Regen ganz ausgewaschenen Bandschleifen waren noch einzelne der aufgeklebten Buchstaben aus gepreßtem Goldpapier zu sehen.