Dann wandte er sich an Heri und fragte sie, wie ihr der gestrige Abend bekommen sei.

Ich sah, daß Heri verlegen war; aber er wußte sich so zu geben, daß sie bald alle Scheu verlor und nun munter mit ihm plauderte. Und der Oberleutnant verstand es, dann und wann auch mir einen Brocken des Gespräches zuzuwerfen, aber eh ich noch eine passende Antwort gefunden hatte, hatte er sich schon wieder zu den Damen gewandt und ließ mir Zeit, mich selbst über meine Schwerfälligkeit aus Herzensgrunde zu ärgern und zu grämen.

Da meine Ausgangsstunden sich ihrem Ende näherten, sah ich mich bald genötigt, mich zu empfehlen. Und ich tat es gerne. Der Boden brannte mir unter den Füßen; hier war ich ja doch nur der Überflüssige.

Mit stürmendem Herzen, den Kopf voll Glut, schritt ich nach Hause. O, hätte ich jetzt Oskar haben können! Ihm hätte ich mich anvertraut, und er hätte mir gewiß einen guten Rat gewußt; er stand ja so hoch über all diesen rein menschlichen Dingen! So aber war ich auf mich selbst angewiesen und dieses Selbst war außer Rand und Band geraten. Haß, Hohn und Verzagtheit, ja Verzweiflung führten in meiner Seele einen wilden Hexentanz auf. Ich war abwechselnd auf die Tante, auf den Oberleutnant, auf Heri und auf mich selbst wütend; ich klagte mein Schicksal an, und wenn sich der Sturm an seinem eigenen Wüten verzehrt hatte, dann schlich sich eine tiefgraue Melancholie in meine Seele, die mir das ganze Leben gleichgültig machte.

Bisher war ich ein guter Schüler gewesen; nun aber gab’s bald dort, bald da einen Krach, so daß ich schließlich selbst bald einsah, so könne es nicht weitergehen. Die Stunden, die ich bei Heri im Hause der Tante verbrachte, gestalteten sich für mich immer bitterer. Immer kam der Oberleutnant oder er war schon da, und ich mußte sehen, wie Heri ihm gegenüber eine Ungezwungenheit zur Schau trug, die aufs deutlichste bewies, wie sehr sein Wesen sie ansprach. Und er war Meister in der Unterhaltung. Hundert und hundert Dinge wußte er zu erzählen, über die verschiedensten Dinge verstand er zu plaudern; wenn ich aber glaubte, mich in das Gespräch mischen zu können, was besonders bei wissenschaftlichen oder künstlerischen Themen der Fall war, dann gab er dem Gespräch unvermerkt eine andere Wendung und ich mußte die Tore der Schatzhäuser meines Wissens schließen, ehe ich noch Gelegenheit gehabt hatte, den Reichtum derselben zu zeigen.

So saß ich oft viertelstundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne angesprochen zu werden, und während um mich fröhliches Geplauder scholl, versank ich in mich selbst, in meine melancholischen Grübeleien und fühlte mit Pein und Ingrimm, wie wenig ich in diese Gesellschaft taugte, wie ich nach und nach direkt als unbequem und störend erscheinen mußte. So konnte es nicht fortgehen. Ich errötete vor mir selbst, wenn ich daran dachte, wie plump und unbeholfen ich mich bewegte, und so entschloß ich mich, die Gesellschaft fürderhin zu meiden. Nur noch einmal wollte ich hingehen, um Heri den Brief überreichen zu können, in dem ich ihr meinen Entschluß mitteilte; denn sprechen konnte ich nicht so viel mit ihr, da uns die Tante nie längere Zeit allein ließ. Auch war Heri selbst so sonderbar, daß ich auch dann oft, wenn wir allein waren, kein Wort zu sagen wußte.

So setzte ich mich denn nieder und schrieb ihr einen langen Brief. Ich erinnerte sie an unsere gemeinsame Jugend, an das, was sie mir versprochen, daß sie mich aufwärts führen wolle, daß sie bei mir bleiben werde immerdar, auf ewig. Ich beschwor sie, mich nicht zu verlassen, da ich sonst zugrunde gehen müßte. Zur Tante aber könne ich nicht mehr kommen. Ich sei ein ernster Mensch mit großen Plänen und das Schmetterlinghafte des Oberleutnants sei mir, Gott sei Dank! nicht gegeben. In mir sei alles Kraft und Leidenschaft und darum tauge ich nicht in eine Gesellschaft, in der Oberflächlichkeit und Tändelei herrsche.

Es war ein Brief, jugendlich überschwenglich, kindisch, unreif, voll großer, tönender Worte, aber doch auch voll echtesten Gefühls. Meine Angst lag darinnen, um eines Mannes willen weggeworfen zu werden, dem ich mich wohl in allen äußeren Dingen nicht vergleichen konnte, an innerem Gehalt und Wert aber hoch überlegen fühlte. Wenn Heri mir an ihn verloren ging, dann war das für mich ein Zusammenbruch meines ganzen Daseins, dann war ich verloren.

Das Herz schlug mir bis zum Halse hinauf, als ich Heri den Brief in die Hand drückte. Sie wurde blutrot und so verlegen, daß sie das Zimmer verließ, und erst wieder hereinkam, als die Tante schon da war.

Dieser hatte ich mittlerweile erklärt, daß ich in Zukunft nicht mehr regelmäßig erscheinen werde, denn ich hätte nun ungemein viel zu lernen und wolle die angebrochene schöne Zeit dazu benützen, mit meinen Büchern in die Au zu gehen; dort sei es so still und angenehm und ich brächte dort mehr vor mich als zu Hause.