Tante Berta übernahm die Vorstellung: „Herr Heinrich Binder, Gymnasialschüler, ein Jugendgespiele meiner Heri – Herr Oberleutnant von Steindl.“

Der junge Offizier reichte mir jovial die Hand: „Sehr erfreut. Darf man wohl fragen, in welcher Klasse?“

„In der sechsten,“ entgegnete ich und aufs neue befiel mich jene trostlose Stimmung, wie damals nach Empfang von Heris Brief. Ein Gymnasialschüler der sechsten Klasse, ein Mensch, der nichts ist und noch lange nichts sein wird, und da ein Mann in angesehener Stellung, dem glänzendsten, umworbensten Stande angehörend.

Der Oberleutnant mußte meine gedrückte Stimmung bemerkt haben und um mir aus derselben zu helfen, sagte er: „Donnerwetter in der sechsten! Wenn das mein Papa an mir erlebt hätte!“ Und lachend setzte er hinzu: „Ich war aber nicht für die große Gelehrsamkeit. Latein? Brr! Griechisch? Brr mit verstärkten Registern.“ Wieder lachte er auf und dann fragte er treuherzig die Tante: „Verehrteste Gnädige! Können Sie sich mich als Gelehrten vorstellen?“

Sie lachte auf: „Nein, Herr Oberleutnant, das kann ich wirklich nicht. Dazu sind Sie ein viel zu guter Tänzer!“

„Gnädige Frau, ich bin eigens gekommen, um mich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich nicht sofort danach fragte.“

„Habe ich Ihnen einen Vorwurf gemacht?“

„Meine Gnädigste, Vorwürfe braucht man mir überhaupt nicht zu machen. Ich kapiere immer schon früher.“

Und bei dem letzten Wort setzte er wieder mit dem fröhlichen, sorglosen Lachen ein, das mich damals, je öfter ich es hörte, mit unbeschreiblichem Haß erfüllte, von dem ich mir aber heute sagen muß, daß es der Spiegel dieser ehrlichen, tüchtigen, wenn auch nicht tiefen Mannesnatur war.