Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn es Dir aber möglich wäre, einmal abends fortzukommen, so komme übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim.
Heri.
Nun, möglich war’s schon, daß ich mich nach neun Uhr aus der Anstalt fortstehlen konnte, aber es war auch mit Gefahr verbunden, denn man konnte entdeckt werden. Aber immerhin hatten es schon zwei meiner Kameraden gewagt und sie waren glücklich wieder ins Haus gekommen. Einmal konnte ich’s doch auch versuchen.
Wir waren unser zwanzig in einem Schlafsaal und der Älteste unter uns war Ordner. Um neun Uhr hieß es zu Bette gehen. Dann kam der Präfekt und sah nach, ob jeder da sei und ging dann in den nächsten Schlafsaal. Dieser Zeitpunkt mußte geschickt ausgenützt werden und war auch von den anderen benützt worden.
Getreu nach ihrem Muster legte ich auf den Sessel neben dem Bett meine Kleidung, während ich im Sonntagsanzug, nur ohne Rock und Kragen im Bette lag. Der Präfekt kam und fand alles in Ordnung. Kaum hatte er aber den Saal verlassen, so sprang ich auf, nahm Rock, Kragen und Hut und lief, so schnell und so leise mich die Füße trugen, vom zweiten Stock, wo unsere Schlafsäle lagen, ins Parterre hinab, öffnete dort leise ein Korridorfenster und schwang mich in den Anstaltsgarten hinaus. Da hier in der warmen Jahreszeit die Fenster öfter auch während der Nacht offen blieben, konnte das weiter nicht auffallen. Dann lief ich durch den Anstaltsgarten, und an der den Feldern zugekehrten Seite desselben kletterte ich über den Zaun.
Die einsamsten und dunkelsten Gassen benützend, kam ich zum Hause der Oberstin, fand die Haustüre offen, auch die gegenüberliegende und in den Garten führende, und im nächsten Augenblicke stand ich mit hochklopfendem Herzen vor Heri.
Und sie war schöner denn je. Über das weiche, lose Hausgewand, das sie umfloß, fiel ihr dunkles Gelock in duftigen Wellen, im matten Dämmerlicht schimmerten mir ihre Augen entgegen, als läge drinnen die ganze süßschwere Sehnsucht der lauen Maiennacht.
Mir schlug das Herz bis an den Hals herauf und ich konnte kein Wort hervorbringen. Ich sah sie nur in einemfort an und mein ganzes Inneres erbebte in namenlosem Glück.
Da faßte sie mich an der Hand und sagte leise: „Komm hierher, Heini, da ist eine Bank.“
Und da saß ich nun neben ihr und wußte kein Wort zu finden, bis sie endlich fragte: „Du wolltest mir etwas sagen, Heini!“