Mir schlug das Herz und auf der Treppe wagte ich die Frage an ihn: „Herr Präfekt, wie steht es mit mir?“
„Das werden Sie sofort erfahren. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“ Der kalte, beinahe feindselige Ton machte mich stutzig und eine bange Ahnung stieg in mir auf.
Vor die Konferenz gestellt, sah ich auf den Gesichtern der vier Männer feierlichen, finsteren Ernst.
Und der Anstaltsdirektor fragte mich: „Bleiben Sie bei der Aussage, die Sie heute vormittag Ihrem Klassenvorstand gegenüber machten?“
Ich war verblüfft. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen. Und was sollte sie? Fest gab ich zur Antwort: „Ja.“
„Nun“ – der Direktor zog eine höhnische Miene – „ich habe die Frau Oberstin von Tattenbach schriftlich von Ihrer Aussage verständigt und sie war selbst hier und hat mir beteuert, daß alles erlogen sei. Sie war allerdings bis zehn Uhr in ihrer gewöhnlichen Gesellschaft bei der Frau Generalin von Hohenstein, doch hat der Hausmeister wie sonst um neun Uhr die Türe gesperrt, und als sie nach Hause kam, fand sie diese Angabe bestätigt. Auch ihre Nichte beteuerte, daß sie den Zögling Binder nicht gesehen habe. Er hält sich überhaupt seit Monaten von dem Hause, wo man ihn in liebenswürdigster Weise aufgenommen hatte, vollständig fern. Sehr erklärlich allerdings. Wir haben keinen Anlaß, in die Angaben der Frau Oberstin sowie die ihrer Nichte nur den geringsten Zweifel zu setzen und“ – er erhob seine Stimme – „stehen vor der Tatsache, daß ein Mensch, der dieser hochangesehenen Frau, wie deren Bruder, dem Herrn Oberforstverwalter, die größten Wohltaten dankt, sich nicht scheut, Schande auf sie zu häufen, um seine eigene Schande zu bemänteln.“
Mit triumphierenden Blicken sah der Anstaltsdirektor hauptsächlich den Klassenvorstand an, dann wandte er sich an mich: „Haben Sie darauf etwas zu erwidern?“
Nein, ich hatte nichts zu erwidern. In mir stürzte aber eine Welt zusammen, in der ich bisher mit dem Gefühl gewandelt war, daß es außer ihr keine geben könne: die Welt der Wahrheit. Und nun war ich hinausgeschleudert ins Haltlose und nichts mehr gab es für mich als rettungsloses Versinken. Erde, Himmel, Gott, Menschen, alles sah ich um mich wanken und stürzen; ich fühlte, wie alles Blut aus meinen Wangen wich, ein Schwindel überkam mich und ich mußte mich stützen, um nicht zu fallen. Heri, Heri hatte mich verleugnet, mich dem Elend ausgeliefert, sie, die mir geschworen hatte, mich hinanzuführen zu den Höhen des Glückes, die ich liebte, so unsäglich liebte! Mir fiel nicht ein, daß ich in dem Brieflein, in dem sie mich zum Stelldichein geladen hatte, ein Beweismittel gegen sie und ihre Tante in den Händen hielt, ich konnte nur immer das eine denken, daß sie mich verleugnet hatte, und ein Schmerz ohne Ende zerwühlte mir das Herz.