Das Mariechen machte große Augen, als es den feierlichen Lichterglanz sah, die bunten Arabesken an den Säulen, den goldbestickten Thoraschrein, vor dem der seltsam gekleidete Rabbiner den Gottesdienst leitete. In der Synagoge gab es keine Bilder zu beschauen und doch so viel Glanz zu bewundern.

Sie hörte die volltönende Stimme des Vorbeters, dem die Gemeinde mit Murmeln und Verneigungen antwortete, und der fremdartige, uralte Wechselgesang machte einen tiefen Eindruck auf das Kinderherz. Das Mariechen verstand kein Wort von den hebräischen Gesängen und Anrufungen, aber es fühlte, hier handelte es sich um etwas Heiliges, Tiefehrwürdiges.

Und als nun unter jubelndem Chorgesang der Schrein geöffnet wurde und der Rabbiner die Gesetzesrolle zärtlich, als wiege er ein Kindchen, nach dem Lesetisch trug, da war ihr zumute wie bei einer Weihnachtsbescherung.

Und nun wies ihr väterlicher Freund Benno Stehkragen auf die andächtige Menge und flüsterte: »Siehst du, Mariechen, die Menschen da sind lauter Juden. Glaubst du wirklich, daß sie alle schlechte Menschen sind?«

Da schüttelte das Mariechen mit Überzeugung und ein wenig beschämt den Kopf. Und da sie ringsum alles beten sah, faltete auch sie ihre Händchen, und mitten aus der jüdischen Gemeinde stieg ein stummes Gebet zur Jungfrau Maria empor.

»Mein liebes Kind,« sagte Benno gerührt, »merke es dir fürs ganze Leben: Wenn man dir Schlechtes von einem Menschen erzählt, ob von einem Juden oder Christen, so glaube es nicht, ehe du dir nicht die untrüglichsten Beweise verschafft hast! Wenn man dir aber Gutes erzählt, so glaube es ohne weiteres! Der Mensch ist edel von Natur aus, und die Menschheit ist weit besser als ihr Ruf.«

Eine erhabene Feierlichkeit war über ihn gekommen, er vergaß bei den alten Gesängen und Zeremonien, die schon seinen Urvätern in den bittersten Leidenszeiten Trost gewährt hatten, seine Schmerzen, und eine süße Stille erfüllte sein Herz.

Beim Verlassen des Gotteshauses redete ihn im Gedränge der Herr Seligmann an, bei dem er so viele Jahre im Oederweg gewohnt hatte.

»Wie geht’s, wie steht’s?« erkundigte er sich jovial bei Benno, der das Mariechen behutsam an der Hand führte. »Leben Se noch? Warum lassen Se sich denn gar nicht mehr bei uns sehen? Kommen Se doch emal zum Abendessen! Ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, meine Frau kocht noch immer sehr gut polnischen Karpfen. Und ich hätt’ auch gern emal wieder mit Ihnen die soziale Frag’ gelöst.«

Benno antwortete ausweichend.