Die Kunde von dem unerhörten Vorfall machte rasch die Runde durch das Haus.

Die Meinungen waren geteilt. Die Damen fanden, Martha sei ein ganz hochmütiges Geschöpf, und solche Zustände dürften unmöglich einreißen!

Die Herren schmunzelten: Endlich einmal eine, die kein Blatt vor den Mund nimmt und den hohen Herrschaften, die sich Halbgötter dünken, gehörig die Meinung sagt!

Der verknöcherte Rittershaus im Wechselbureau rieb sich die Hände und kicherte schadenfroh:

»Diesmal bricht sie sich den Hals. Diesmal fliegt sie!«

Und in einer Aufwallung seines Selbstgefühls krähte er in das Bureau: »Ruhe! Während der Arbeitsstunden wird nicht geschwätzt!«

Das war der zweite Zusammenstoß Marthas mit einem Bureauchef. Erst Rittershaus, dann Wittmann. Aber der Streber Wittmann war viel zu schlau, um beschwerdeführend in die Direktion zu laufen; er durchschaute, wie die Dinge standen. Und so verlief die Angelegenheit im Sand.

Am nächsten Abend nahm Benno das Mariechen mit in die Synagoge.

Er setzte sich nicht auf seinen Stammplatz in der dritten Reihe, sondern er suchte einen Platz ganz weit hinten und stellte das Mariechen neben sich auf die Bank, so daß es den ganzen Tempel überschauen konnte.

Eigentlich gehörte das Kind ja in die Frauenabteilung auf die Empore, aber dem so pünktlichen Synagogenbesucher Benno übersah der Gemeindediener diese kleine Abweichung von der Regel.