Am liebsten hätte er jetzt den Bleistift und den Tintenstift Marthas genommen, die Stifte, die er mit so viel Hingabe gespitzt hatte, und hätte wie ein unartiger Schuljunge absichtlich die Spitzen abgebrochen: »Da! Da! So! Das ist dafür, daß du mich so mißhandelst!«
Und Benno Stehkragen, der nie nach der Würde eines Bureauchefs gegeizt hatte, wünschte sich nun inbrünstig nur zwei Minuten Bureauchef zu sein, um gellend durch das Zimmer kreischen zu können: »Ruhe!! Während der Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«
Seine »Wenn«-Phantasien liefen in solchen Augenblicken keineswegs auf Menschheitsbeglückung hinaus; sie waren keine seligen Gefilde mehr, nein, es waren schluchtenverzerrte Abruzzengegenden, und mitten drin hauste er als wilder Räuber, Signor Benno Stehkragenino, der Schrecken der Berge, Fra Diavolo, Karl Moor, Schufterle, Spiegelberg, Kneißl und Rinaldo in einer Person.
Endlich begab sich Wittmann wieder an seinen Platz.
Kaum zehn Minuten hatte er mit Martha geplauscht – Benno schätzte die Zeit eine Ewigkeit.
Auch die übrigen Arbeitskräfte beobachteten mit Interesse die Vorliebe Wittmanns für das hübsche Fräulein Böhle. Aber sie regten sich deshalb nicht auf, höchstens klatschten sie ein bißchen darüber und sorgten dafür, daß auch in den übrigen Bureaus dieser Flirt bekannt wurde.
Im ersten Stock hieß es noch: »Herr Wittmann sucht Familienanschluß,« im zweiten Stock hieß es bereits, Fräulein Böhle und »ihr« Bureauchef seien Arm in Arm im Foyer des Zirkus Schumann gesehen worden, und im Dachgeschoß galt es als feststehende Tatsache, daß der Vater des nächsten Dutzends Böhlescher lediger Kinder – Wittmann heißen würde.
So blind ist der Klatsch, daß er gierig die ganz nichtigen Beziehungen Marthas zu Wittmann ergiebig ausbeutete, aber die verliebte Aufdringlichkeit Benno Stehkragens überhaupt nicht bemerkte.
Und welch dankbares Spottobjekt hätte der bucklige Benno als Liebhaber abgegeben!
Die Vesperpause war vorüber, und die Arbeitshetze in der Industriebank steigerte sich zur Tollwut. Und mit dieser Steigerung häuften sich natürlich auch die Fehler, Versehen, Mißverständnisse, und mit den Irrtümern der Verdruß und Skandal.