Er fand dies sogar ganz in der Ordnung.
Und gestand sich: Wenn ich ein großer Schauspieler wär’, ein so großer Schauspieler, wie ich ein kleiner Schlemihl bin, ich tät’ auch nicht unter meinem Namen Benno Stehkragen, oder Benno von Stehkragen, auftreten.
In solchen Gedanken ging Benno eines Abends den Oederweg hinunter. Die Straßenlaternen brannten trübe, und trübe flackerte das Lämpchen in Bennos Herzchen. Ihm fehlte das Öl der Leidenschaft.
Wenn ich jetzt der Don Juan wär’, philosophierte er, der große Liebespraktikus aus Spanien – dann tät’ ich merr eine Mandolin’ kaufen – und tät’ in der nächsten Vollmondnacht nach dem Oederweg 69 schleichen – und tät’ mich in den Hof stellen wie en Orgelmann – und mein Diener Leporello müßt’ achtgeben, daß kein Schutzmann kommt – und ich tät’ auf meiner Mandolin’ ’erumpauken – und tät’ mit mei’m Mozartschen Bariton meinen Liebeskummer in die Nacht ’erausheulen – und dabei mit großen Schritten auf und ab gehen und e bißchen mit dem Säbel scheppern – und wär’ unwiderstehlich! – Und es tät’ sich im vierten Stock ein Fenster öffnen – und ein weiblicher Mädchenkopf ’erausgucken – und se tät’ merr ebbes herunterwerfen – nicht zwei Pfennig in Papier gewickelt, sondern ihr Herz – ihr gerührtes, rotes Herz – und ich tät’s mit mei’m spanische Käppche’ auffangen – und ich ...
Benno blieb plötzlich mitten auf der Straße und mitten in seiner Träumerei stehen.
Ihm entgegen kam ein Fräulein, das einige Notenhefte unter dem Arm trug.
Benno wußte sofort: das ist sie.
Er blinzelte nach dem obersten Notenheft – es war der »Lenz« von Hildach.
Rita von Veldern trug einen karierten Rock, eine verwaschene hellblaue Bluse mit einem breiten, maschinengearbeiteten Spitzenkragen. Ihre Kleidung schien etwas vernachlässigt und geizte offenbar danach, für kostspieliger zu gelten, als es der Wahrheit entsprach.
Ich weiß nicht, welche Altersberechnung im Feenreich üblich ist – nach irdischer Berechnung stand Rita in der Mitte der dreißiger Jahre.