Hatte der kurzsichtige Benno es einmal fallen lassen, oder war es beim Umzug verlorengegangen?
Nein, die Geschichte verhielt sich ganz anders, und sie war wieder einmal eine echt Bennosche Geschichte.
Der alte Stehkragen und sein Sohn hatten sich zeitlebens schlecht verstanden. Der Vater, ein Kleinkaufmann, hatte den kleinen Benno unter schweren Opfern das Gymnasium besuchen lassen und hoffte, in ihm dereinst eine Leuchte der medizinischen Wissenschaft zu sehen.
Benno sträubte sich hartnäckig gegen diesen Plan. Gewiß, es mußte Befriedigung verleihen, körperliche Leiden zu heilen, Wunden zu schließen – aber sein ganzes Leben mit dem Anblick von Krankheiten, von häßlichen Zerstörungen zubringen, all das Elend unserer Hinfälligkeit tagein, tagaus von neuem zu studieren, dazu fühlte sich Benno nicht stark genug. Ein prophetisches Gefühl ängstigte ihn, er werde als Arzt keine frohe Stunde mehr genießen können, er werde die Welt durch eine blutige Brille ansehen.
Der Literatur- und Kunstgeschichte wollte er sich einstens widmen – ein Studium, zu dem der Vater schon aus materiellen Gründen nie seine Zustimmung geben konnte.
So oft die Berufsfrage besprochen wurde, kam es zu hitzigen Auseinandersetzungen, bei denen die Mutter bittere Tränen vergoß.
»Wein’ nicht, Mutter,« tröstete Benno die alte Frau, wenn der Vater den Hut aufgesetzt hatte, die Tür wütend zugeworfen und das Haus verlassen hatte, um durch erregtes Spazierenlaufen in den Promenaden seinen Kummer zu ersticken. »Flenn’ nicht, Mama! Wenn ich erst emal e berühmter Mann bin, wird sich der Vater schon beruhigen! Ich kann nun emal kein Bauchaufschneider werden, es interessiert mich nicht, wie die Leut’ inwendig aussehen! Mir is e gutes Gedicht lieber wie der schönste Blinddarm – hab’ Vertrauen in mich und putz’ derr die Tränen ab!«
Und die alte Frau trocknete ihre Tränen, sie hatte ja so gern Vertrauen zu ihrem einzigen Kind.
Man konnte es unter diesen Umständen beinahe ein Glück nennen, daß Stehkragen senior starb, ehe die Berufsfrage zur Entscheidung drängte.
Benno ging damals in die Untersekunda und machte statt der Schulaufgaben Gedichte an den Mond, an die Lotosblume und andere aus Heinrich Heine entlehnte Requisiten der Verliebtheit.