In deutscher Sprache hatte er reden, denken und fühlen gelernt, in deutschen Schulen war er erzogen; alles, was er an Bildung und Kultur genoß, war für ihn unmittelbar und unlösbar mit dem Deutschtum verknüpft.
Er ging so weit, zu behaupten, Shakespeare sei in deutscher Sprache tausendmal schöner als in englischer.
Und alle seine liebende Freude an Naturschönheit wurzelte in der Anschauung deutscher Natur. Oder war es nicht ein deutscher Wald gewesen, der ihn zuerst seine Geheimnisse hatte ahnen lassen, war es nicht ein deutscher Strom, dessen Rauschen ihm zum erstenmal Unendlichkeit gesungen hatte? Waren es nicht deutsche Wiesen, in denen er sich als Kind getummelt, in denen er als Jüngling den Wolken nachgeschaut und den Gesang der Vögel enträtselt hatte?
Mochte Italien immerhin das Land sein, wo die Zitronen blühen, in Deutschland wuchs der Blüten edelste: die blaue Blume der Romantik.
Mochten immerhin kalte Wissenschaftler die Internationalität der Gestirne nachweisen, seinem liebenden Überschwang waren es deutsche Sterne, die ihm des Nachts zu Häupten leuchteten.
Ja, er zweifelte in seinem tiefsten Innern nicht daran: Der alte Jehova hatte sicherlich längst das Hebräische als himmlische Hofsprache abgeschafft, und wenn er jemals wieder den Menschen Gesetzestafeln aufschreiben würde, so würde er’s im reinsten Hochdeutsch tun, in der neuesten Orthographie.
Wohl eine Stunde mochte Benno in Gedanken auf dem Sofa gelegen haben, als es plötzlich klopfte.
Er hatte während dieser Stunde nur ein einziges Mal seine Siesta für einen Augenblick unterbrochen gehabt, als es durch das offene Fenster herübergetönt hatte:
»Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonne, du mein Schmerz ...«
Da hatte er schnell das Fenster geschlossen.