Jetzt hätte Benno gern ein Bild seines Vaters besessen. Aber nun war es zu spät. Aus der Verwandtschaft lebte nur noch eine sagenhaft alte Tante, der Benno niemals geschrieben hatte, und von der er lediglich die Erinnerung besaß, daß seine Mutter gelegentlich von ihr als von der »geizigen Amalie« gesprochen hatte.
Nach langem Zögern frug er brieflich bei ihr an, ob sie ein Bild seines Vaters hätte. Der Brief kam zurück mit dem Vermerk:
»Adressatin seit Jahren verstorben.«
Wenn nun Benno auch keine Photographie seines Vaters besaß, so war das Brautbild über dem Sofa doch nicht ohne Gegenstück. Dieses Pendant freilich war abermals ein echt Bennosches Kuriosum.
Da hing nämlich in breitem Goldrahmen, säuberlich unter Glas, eine Landkarte von Deutschland.
Ursprünglich hatte ein Plan der Stadt Frankfurt diesen Platz eingenommen. Aber als der einmal von der Wand gefallen war, hatte Benno diesen Zufall für einen Wink von oben erklärt, sagte: »Dein Vaterland muß größer sein« und ersetzte den Stadtplan durch die Karte von Deutschland.
Statt des väterlichen Bildes prangte also ein Bild des Vaterlandes über dem Sofa, neben dem Bilde seiner leiblichen Mutter das Bild der geistigen Mutter.
Oft stand Benno vor dieser Landkarte, fuhr mit dem Zeigefinger die Grenzlinien entlang, gleichsam die Karte liebkosend, und flüsterte: »Dies ist das Herz der Welt!«
Ja, dieser kleine bucklige Mensch war ein glühender Patriot, und seine Überzeugung lautete: »Es ist eine Streitfrage, ob es ein Glück ist, überhaupt geboren zu sein. Wenn man aber schon einmal geboren wird, dann ist es das größte Glück, in Deutschland geboren zu werden.«
Deutschland, das war ihm nicht ein Land, in dem man zufällig zur Welt kommt, Deutschland war ihm das Land der Länder, der Tempel der Menschheit.