Adolf ertrug alle diese Niederträchtigkeiten widerspruchslos. Nur manchmal seufzte er tief, strich sich mit der Hand durch die Haare und starrte vor sich hin, aber keine Klage kam über seine Lippen.
Noch immer gab er den Versuch nicht auf, seine Frau durch unerschütterliche Geduld zu zähmen. Nicht aus Trotz war er in das Dachzimmerchen gezogen, sondern weil er zu der schmerzlichen Einsicht gelangt war, daß sein Anblick auf Katharina aufreizend wirkte.
»Wann se mich weniger guckt,« sagte er sich, »wern sich ihr Nerve beruhige! Es leiht ja bloß an de Nerve, — 's Herz is net schlecht. #Sie# kann ja doch schließlich nix dafor, daß ich zu arm bin, um se in e Nervebad zu schicke, wie's die reiche Leut mit ihre beese Weiwer mache. Unn älder werd se ja aach mit der Zeit, unn des Alter, des is die best Massag' for nerwöse Leut. Mit'm erschte Schnorrbarthäärche werd der Jingling meschugge, unn mit'm erschte #graue# Häärche wern die Weiwer vernimftig. Wann merr älder werd, da kimmt aam so vieles ganz wurscht vor, wo merr sich frieher driwwer uffgeregt hat, merr werd viel stiller unn verdräglicher, es is, als ob uff'm Weg zum Dod unnerwegs uff beide Seite Ruhebänkcher uffgestellt wär'n: »Da, ruh Dich e bissi ab unn geweehn' Dich langsam an de ewige Dauerschlaf!«
Tückischer als die neue Redensart war das zweite Mittel Katharinas, ihre Rache zu kühlen: sie hielt geflissentlich das Kind von seinem Vater fern. Sie tat so, als habe er überhaupt keinen Anspruch auf das Kind, sie erstattete ihm nie Bericht, was das Kind während seiner Abwesenheit getan hatte, sie lobte es nicht und tadelte es nicht.
Selbst die Ankunft des ersten Zähnchens, die doch in allen Familien als festliches Ereignis betrachtet wird, überging sie mit Stillschweigen.
Hatte Adolf den Jungen auf dem Schoß, sich an ihm zu erfreuen, so fand sie nach wenigen Minuten einen Vorwand, ihm das Kind wegzunehmen.
Aber ihre Taktik, das Kind systematisch dem Vater zu entfremden, blieb erfolglos. Kinder sind Menschenkenner. Das kleine Gustavchen zeigte eine unverkennbare, unbeirrbare Vorliebe für seinen Papa. Sobald er das Zimmer betrat, fing es an zu lachen, streckte die Ärmchen nach ihm aus, wollte getätschelt sein. Ja, der kleine Wurm wußte ganz genau die Zeit, wann Adolf mittags und abends aus dem Geschäft kam, und fing schon eine Weile zuvor an, unruhig zu werden und mit Gesten nach seinem Vater zu verlangen.
Dann warf Katharina dem Kind einen bitterbösen Blick zu.
Adolf kam nur noch zu den Mahlzeiten herunter ins gemeinsame Wohnzimmer. Den größten Teil seiner freien Zeit verbrachte er in dem Dachstübchen, und es war, als sei er wieder wie ehemals der »möblierte Herr« und nicht der Gatte, der Ernährer der Familie.
Nun saß er wieder manche Stunde am Dachfensterchen und erneuerte die Beziehungen zum Mann im Mond. Er sah wieder von seiner hohen Warte herab die Menschlein wie kleine Käfer in den Straßen krabbeln, aber er ernannte sie nicht mehr zu Pagen seines Märchenhofstaates. Manchmal überwältigte ihn schmerzende Bitterkeit, und er dachte: »Ich wollt, ich hätt e groß Insektepulverspritz, so groß wie e Kanon, damit ich euch Käwwer da drunne beweise könnt, was ich for e Menschefreund bin!«