»Gott sei Dank, daß es endlich e Ruh gibbt im Haus!« sagte Katharina.
»Es is schonn net mehr auszuhalte mit dem miserawele Bub!«
Da erschien an einem Dienstag vormittag Herr Bindegerst aufgeregt im
Hause Feldmann & Schröder und verlangte nach seinem Schwiegersohn.
»Adolf, komm gleich, der Bub is krank!«
Adolf Borges ließ das Paket, an dem er herumschnürte, fallen und rannte zu Herrn Schröder.
»Ich muß haam, Herr Schröder … mei Bub, der Gustav … er is krank,
Herr Schröder.«
Und dabei liefen ihm schon die Tränen über die Wangen.
»No, 's werd net gleich so schlimm sei', Adolf!« tröstete der dicke Chef. »Gehe Se nor! — Ja, Kinner mache Sorje, ich kann aach e Lied dervoo singe, ich habb aach so e Kollektion von Stickerer sechse. Mit Schmerze wern se geborn, mit Schmerze wern se großgezoge, unn mit Schmerze nemmt merr später de Dank dafor in Empfang! Gehe Se haam! Unn ich empfehl Ihne de Dokter Grienebaum, des is e dichtiger Arzt unn net so deuer!«
Unterwegs erstattete Bindegerst bruchstückweise Bericht. Das Kind hatte schon in der Nacht gefiebert, und morgens hatte es keinen Kaffee trinken wollen. »Ich habb Derrsch net gesacht, daß De Dich net uffregst!« Und dann hatte es gehustet, über Halsweh geklagt, und nun lag es im Fieber und ächzte und erkannte Niemanden. Und wimmerte beständig in seiner Bewußtlosigkeit: »Babba, was machß'n Du da??«
»Laaf doch net so, Adolf! Ich komm ja net mit!« pustete der alte
Bindegerst.
Ein fremder junger Herr, mit einem koketten Schnurrbärtchen und einem goldgerahmten Zwicker, stand an Gustavs Bett und fühlte den Puls. Er öffnete mit sanfter Gewalt den Mund des fiebernden Kindes, sah in den Hals, zog ihm das Hemd herab, beklopfte Brust und Rücken.
Katharina saß am Fußende des Bettes und harrte des Ergebnisses der Untersuchung. Ihr war keine Erregung anzusehen, sachlich wie eine bezahlte Krankenpflegerin verfolgte sie die Maßnahmen des Arztes.