So sprach mein Vater, umarmte mich, indes dicke Tränen über seine Wangen perlten (ein Zeichen, daß ihm sehr heiter zumute war), und entließ mich. Der Gefängniswärter, der von unserer Unterredung kein Wort verstanden hatte, führte mich auf die Straße.
In der Nacht machte mein Vater einen mißglückten Ausbruchsversuch, und am nächsten Tage verließ seine Seele den Leib.
Ich machte vor dem Gefängniswärter eine tiefe Verbeugung, flüsterte »Salaam«, eine Ehrenbezeigung, bei der man sich die schlimmsten Beleidigungen denken kann, und schritt gedankenvoll die Straße hinab.
Ich kam vorbei an dem Krankenhaus der Tiere, in dem wir die siechen Tiere pflegen, bis der Tod ihren Leiden ein Ende setzt. Und wir pflegen die fallsüchtige Kuh, den aussätzigen Affen, das krätzige Huhn mit derselben Liebe und Ehrfurcht wie die leidende Ratte und den verstümmelten Skorpion.
Und ich ging weiter, vorüber an Tempeln und heiligen Teichen, und kam in den Stadtteil der Weißen, wo der große Bahnhof steht, der uns die Fremden bringt, auf daß wir ihre Taschen leeren; wo ihre Kirchen ragen, in denen sie zu einem Gott beten, den ich nicht begreife und nicht begreifen will; wo ihr Regierungspalast, auf dessen breitem Bau ein schmales Türmchen ruht, wie ein Tragsessel auf dem Rücken eines Elefanten, hochmütig den Hindu anstarrt; wo die Stadthalle ernst dreinblickt, die in ihrem Bauche unzählige Bücher birgt, aus denen die Weißen allerlei Unnützes lernen, was sie für wissenswert halten.
Es sind stolze Häuser, nicht vergleichbar unseren Lehmhütten, und wenn sie einmal zerstört sein werden, werden sie schönere Ruinen geben. Und sie werden bewundert von allen, die sie zum ersten Male schauen.
Ich aber achtete nicht auf alle diese bekannten Herrlichkeiten, ich beeilte mich, nach Hause zu kommen zu Malatri, der Brillenschlange, die ich von meinem Vater geerbt hatte.
Malatri ist die durchtriebenste, heimtückischste Schlange Indiens, und ich glaube, daß die Seele eines englischen Diplomaten in ihr wohnt. Ihr sind die Giftzähne ausgebrochen, und Schiwa füge, daß das gleiche auch der englischen Politik passieren möge.
Jetzt, da Malatri gestorben ist, kann ich ruhig ausplaudern, wozu sie mir diente: Wenn die Nacht herniedersank, barg ich sie unter meinem Kleid, schlich in das Europäerviertel der Stadt und ließ Malatri in das Schlafgemach einer weißen Lady schlüpfen. Zischend richtete sich die Schlange auf, die Herrin schrie, die Hausbewohner liefen zusammen, um die Schlange zu erschlagen, — und in dem allgemeinen Tumult fand ich Zeit und Muße, in den vornehmen Zimmern des Hauses ein wenig Umschau zu halten. Wenn ich dann meine Beute nach Hause brachte, pflegte Malatri, die kluge Brillenschlange, schon an der Pforte auf mich zu warten. Ich lobte sie, gab ihr Reis und süße Milch zu fressen, wickelte mich in meine Decke und schlief ausgezeichnet, wie eben ein Mensch schläft, der sich eines guten Gewissens und eines wohlgelungenen Einbruchsdiebstahls erfreut.
Es ist merkwürdig, daß die Weißen so sehr vor einer Brillenschlange erschrecken, und es hängt sicherlich mit der törichten Furcht zusammen, die dieses dumme Volk vor dem Tode hat. Wir Hindus wissen, daß wir keine Stunde früher oder später sterben werden, als es uns vom Schicksal vorausbestimmt ist. Ist unsere Stunde noch nicht gekommen, so können uns Tausende von giftigen Schlangen beißen, ohne daß es uns schadet, — ist aber unsere Zeit abgelaufen, so sterben wir an dem Stich einer Mücke, an dem Schlag eines Strohhalmes, an dem Biß eines Mehlwurms.