Bis tief in den Morgen hinein arbeitete ich. Ich brauchte wenig an »Galgenstricks« Worten zu ändern, denn er erzählte mit einer überzeugenden, naiven Anschaulichkeit.

Nur in zwei Punkten bekenne ich mich schuldig, Korrekturen vorgenommen zu haben: ich habe manche sprachliche Bilder, die nur einem Inder verständlich sein können, durch annähernd entsprechende Bilder aus der deutschen Gefühlswelt ersetzt, und — ich habe einige allzu drastische Äußerungen »Galgenstricks« über uns Weiße schonend gemildert.

Denn ich halte es nicht für den ausschließlichen Daseinszweck des Lesers, sich zu ärgern.

Ehe ich am nächsten Tage den Kranken aufsuchte, ging ich zu Dr. Heßberg, um mich nach des Patienten Befinden zu erkundigen.

Dr. Heßberg war sehr böse und überschüttete mich mit Vorwürfen. »Wenn man nur euch verflixten Laien nicht mehr in Lazarette hineinließe!! Da schwänzeln gewisse Herrschaften in den Krankensälen herum, die nicht das geringste dort zu suchen haben, regen uns mit ihren Gaben und ihrem Geschwätz nur unnütz die Patienten auf — zum Donnerwetter, ein Kranker ist ein Kranker und keine Sehenswürdigkeit!«

Zerknirscht ließ ich die Strafpredigt über mich ergehen.

»Und worin besteht mein Verbrechen?« frug ich, als Dr. Heßberg beim Amen angekommen war. »Ich habe überhaupt kein Wort mit ihm geredet, habe mir ruhig erzählen lassen, ohne ihn zu unterbrechen!«

»Das fehlte auch gerade noch, daß du einen Kranken durch Widerspruch reizen würdest! Es war schon eine Mordsdummheit, jawohl, eine Mordsdummheit, daß du ihm die indischen Bilder brachtest! Man kann sich dem Bett nicht mehr nähern, ohne daß der Kerl aus Angst um seine Bilder rabiat wird! Das nennt ihr Laien nachher, dem Kranken "eine Wohltat erweisen"! Ich werde noch den Antrag stellen müssen, jedem Lazarettbesucher beim Eintritt die Taschen mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten!«

Obwohl Dr. Heßbergs Reden durchaus nicht schmeichelhaft für mich waren, freute ich mich über sie. Sah ich doch daraus, wie besorgt er um das Wohl eines jeden einzelnen Patienten war, und ich sagte mir: O möchten doch die Ärzte im Lager unserer Feinde den in Gefangenschaft geratenen, verwundeten Feldgrauen ebensoviel sorgende Liebe widmen wie ein deutscher Arzt einem kranken Wilden.

»Also ich verspreche dir, dem Kranken nicht mehr die geringste Kleinigkeit mitzubringen!«