War ich das Opfer einer Zauberei? War der Fremde ein böser Dämon gewesen?

Doch nein, er hatte geweint.

Aber vielleicht hatte auch ihn ein kluger Vater gelehrt, zu weinen, wenn sein Herz vor Freude sprang, und zu lachen, wenn der Schmerz ihn würgte.

Sicher wußte er mehr, als er gesagt hatte.

Mein Kopf wirbelte, — nein, ich wollte mit diesem Schreiben, das vielleicht eine Zauberformel barg, nichts zu tun haben, ich mußte es ihm zurückgeben. »Mein Freund,« rief ich und eilte in die Straße, in der er verschwunden war, »mein Freund ...«

Aber ich fand ihn nicht mehr. Er mußte sich in irgendeinem der Häuser verborgen haben.

Der Atem ging mir aus, und ich verlangsamte meinen Schritt.

»Armer Freund« hatte er mich genannt. Sah er eine dunkle Zukunft voraus? Ahnte er Leiden, die mich treffen sollten und die er nicht von mir abwenden konnte? Verband uns beide ein verwandtes Geschick?

Ich fühlte den Brief in meinem Kleide, und mein Verstand sagte mir: »Wirf ihn von dir! Zerreiße ihn, verbrenne ihn!« Zu gleicher Zeit aber klang es in mir: »Bewahre ihn gut! Es ist ein frommes Werk, zu dem du berufen bist!«

Die Ruhe, die ich aus dem Gebet geschöpft hatte, war in peinvolle Beklemmung gewandelt, ich war in einen Irrgarten widersprechender Gefühle geraten, und wohin ich mich auch wandte, einen Ausgang zu finden, stieß ich auf dicke Mauern.