Auf mächtigen Glanz folgt naturgemäß Nacht. Sobald die buddhistischen Patres ecclesiae und Doctores profundi darangehn dunkle, tiefe Stellen des Kanons aufhellen zu wollen, reden sie wie Blinde von der Farbe. Sie meinen’s ja grundehrlich, die Wackeren, versteht sich; doch was hilft guter Wille in der Kunst? Kunst kommt von Können, auch im Indischen, ihr Können aber beschränkte sich auf schwaches philologisches und reiches volksthümliches Wissen. Damit konnten sie freilich zur Erklärung der Reden Gotamo Buddhos nicht auslangen.
Es sei hier gestattet ein paar Beispiele anzuführen. Ich entnehme dieselben den allgemein zugänglichen Kommentaren oder gebe sie genau nach den mündlichen Belehrungen, welche mir die höchst achtbaren, vortrefflichen Mönche Zeilons während eines dortigen Aufenthalts in reicher Fülle zutheil werden ließen. Unterschiede zwischen den Erklärungen der Mönche von Kolombo und Kalutara, vom Daladamaligawa und Asgiriyavihāre, am Alufelsen und in Anurādhapura und an anderen Orten haben sich, bei wiederholter Besprechung derselben Punkte, nicht ergeben, da nur eine Autorität für alle gilt: die οται μυριαδες ἐπων Mahābuddhaghosos. — DN I., No. 11, Schlussverse des Kevaṭṭasuttantam: Zweierlei viññāṇam giebt’s, das erste, viññāṇam anidassanam, ist gleich nibbānam, ja; das zweite, viññāṇassa nirodhena etth’ etam uparujjhati, ist das gewöhnliche. MN I., No. 8 wird sallekho von likhati ~ chindati abgeleitet. KhN, Dhp. v. 227 ist Atula statt atulam zu lesen, als Eigenname im Voc. — KhN, Itiv. 1 seqq.: Ayaṃ vo pāṭibhogo anāgāmitāya wird ersetzt durch Ahaṃ vo pāṭi 0, ganz wie beim Herausgeber der editio princeps. KhN, Thīg. v. 267 (cf. MN I., 134, 21 ). nāgabhogasadisopamā ‖ ti hatthināgassa hatthena samasamā; hatthī hi idha bhuñjati etenā ti bhogo ti vutto — tā ti ūruyo. Es ist eine Reminiszenz an Stellen wie nāganāsasamūpamā. AN IV., No. 159 ist setughāto = hetughāto. Die dosinā ratti, passim, erklärt als dosāpagatā ratti. Sotāpanno, sotāpatti gehört zu √sru, savati, u. s. w. — Wenn nun auch derartige Originalerklärungen, die man zu hunderten häufen könnte, kaum mehr als einen Einblick in den scholastischen Volksbuddhismus gewähren, so dürfen wir uns anderseits der vielen sekundären Bemerkungen des Scholiasten gelegentlich herzlich freuen. Diese bringen uns das Verständniss zuweilen wirklich näher und erleichtern die Denkarbeit, dienen gewissermaaßen als Eselsbrücke. Einige hübsche Beispiele dafür sind: MN I., No. 36, p. 245 ajaddhukam ~ abhojanam; ibid., No. 15, p. 96 apadānam ~ pubbe apuññakatam; die zu DN, Mahāparin. p. 22 gelungene Erklärung der ācarīyamuṭṭhi[***]; KhN, Thag. v. 986 adda = addakkhi; KhN, Thīg. v. 122: vīdhavā ti; dhavo vuccati sāmiko, tad abhāvā vīdhavā, matapatikā ti attho; passim: anacchariyam ~ thokam abbhutam, pag’ eva ~ paṭhamam eva, u. a. m. — Seien wir also billig und gestehn zu, dass Buddhaghoso, Dhammapālo, Ñāṇasāgaro und wie die Aggācariyos alle heißen, bis herab auf den ebenso gelehrten als edlen Subhūti Terunnānse von Kalutara, in ihrer Art Vorzügliches geleistet haben, dass wir aber diese Braven nicht nach modernem Wissen und Können schätzen und nützen dürfen. Uns ziemt es nun unser altes Erbe zurückzuerobern und den ursprünglichen Gehalt rein darzustellen. Die Geistesspuren jenes großen Mannes, der wohl überall gepriesen doch nicht genug gekannt ist, liegen in den auf uns gekommenen Reden treu erhalten vor: wir sind allmälig mündig geworden, die ächte Elephantenfährte, wie es in der 27. Rede heißt, von der falschen unterscheiden zu lernen.
Die Brüder in Zeilon sollen uns jedoch nicht undankbar schelten. Wir werden sie noch oft um ihren Rath angehn, wenn es wichtige Bestätigungen gilt. Wie erfreulich war mir z. B. Subhūtis Denkweise, als er auf meine Bitte, Māro zu erklären, mit dem schönen Citate aus dem SN antwortete: Rūpam māro, vedanā māro, saññā māro, saṉkhāra māro, viññāṇam māro, pañc’ upādānakkhandhā māro ti, und mir[S. XXVIII] so gleichsam die offizielle Berechtigung gab in jenem Begriffe die Natur, oder richtiger, im Einklang mit Schopenhauer, die Mortur wiederzuerkennen. Solche und manche ähnliche, recht unphantastische Offenbarung darf man heute gewiss nur mehr auf Zeilon oder allenfalls noch in Barma und Siam erwarten; in China und Tibet kann man mitunter etwas andere Dinge zu hören bekommen. Hat mir doch ein sehr intelligenter Lama, wenige Tagereisen von der Heimath des Buddhismus entfernt, im Kloster Bhutia Basti bei Dārjiling, am Schlusse einer langen gelehrten Unterredung die Versicherung gegeben, ein vollkommener Weiser mag sich ausgesucht nette und geprüfte Jungfrauen, varalakṣaṇopetās, ad libitum zulegen, zur Erfrischung seiner Lebensgeister. Ein derartiges Ideal hat nun freilich der südliche Buddhist niemals aufgestellt, und die lakṣaṇas, die ihm, auch als vollkommenem Weisen, einzig nahe gehn, sind immer die selben geblieben, nämlich aniccam, dukkham, anattam. Darum wollen wir die gute buddhistische Volksmetaphysik und ihre Meister hochhalten. Bei der Lehre Gotamo Buddhos, die erst in den letzten fünfzig Jahren durch Gogerlys, Spence Hardys und Childers’ vertrauten Umgang mit den Mönchen Zeilons neu entdeckt wurde, ist das Wort des Richard Wagnerschen Hans Sachs wundersam am Platze:
Dass uns’re Meister sie gepflegt,
Grad’ recht nach ihrer Art,
Nach ihrem Sinne treu gehegt,
Das hat sie ächt bewahrt. —
Eine wenig bekannte Einzelheit mag hier noch, als Exkurs, behandelt werden. Man hat bis vor kurzem allgemein angenommen, das letzte Mahl Gotamo Buddhos, von einem jungen Schmidte Namens Cundo gespendet, sei Wildbraten gewesen, und zwar verdorbener, dessen Genuss Erkrankung und Tod des Buddho zur Folge hatte. Die betreffende Stelle findet sich in der 16. Rede des DN, Mahāparinibbānasuttam p. 41–42. Dort wird erzählt, der junge Schmidt Cundo habe die Mönche in sein Haus geladen und feste und flüssige Speise und ein reichliches Gericht von sūkaramaddavam für sie bestellt; letzteres habe sich der Buddho vorsetzen lassen, den Schmidt aber ermahnt, die Jünger mit der anderen Speise zu bewirten und den Rest seines Gerichtes in die Gosse zu schütten, da es von keinem verdaut werden könne, den Vollendeten ausgenommen. Nach dem Genusse dieser Speise sei dann der Buddho krank geworden, schwer krank, und heftige Schmerzen hätten sich eingestellt.
Bhuttassa ca sūkaramaddavena
Vyādhippabāḷhā udapādi satthuno.