Was ist nun sūkaramaddavam? Ist es Wildbratensülze, wie es auf den ersten Blick scheint? Die einheimische Tradition hat es meist dafür gehalten, und die europäische Forschung hat es unbesehens übernommen. Zu vertrauensvoll: denn wir haben zu sūkaramaddavam Parallelen, die einen anderen Begriff vermuthen lassen. Unter den Arzeneipflanzen, die der Rājanighaṇṭus aufzählt, finden wir u. a. das fem. simpl. sūkarī, von sūkaras Eber, Schwein, als Batate, dann sūkarakandas Eberbirne (Erdbirne), sūkarapādikā Eberklaue = kolaśimbī Eberschote, dann aber, und dies ist wichtiger, den sūkareṣṭas, eine Erdmandel, welche die Wildschweine mit Leidenschaft auswühlen, wörtlich Ebergier; daher z. B. der Ort Sūkarakhatā Eberswühl, MN I., 497. Suśrutas giebt vārāhī, von varāhas Eber, für die Yamwurzel an, dann varāhakandas Ebertrüffel, varāhamūlam, Eberwurz, etc. Vergl. noch Bezeichnungen wie gostanī Weintraube, wörtlich Kuheuter, hastikarṇas Rizinus, w. Elephantenohr, uraṇākṣas eine Zimmtpflanze, w. Schaafauge, kukkuṭamastakas ein Pfeffer, w. Hahnenkamm, vānarapriyas ein gemeinsamer Name der indischen Feigenbäume, w. Affenlieb, ajamodā für Kümmel, Sellerie, Liguster, w. Ziegenlab, mṛgabhojanī Koloquinthenfrüchte, w. Wildspeise, nämlich der Rehe, Hirsche etc., u. v. m. Sūkaramaddavam, von √mṛḷ gaudere (s. AN vol. I. p. 94, XV, 2 = Suttanipāto, vv. 250, 292, Jāt. vol. V. p. 378 v. 176, Dhammasaṉg. s. v. maddavatā, Asokos Delhi-Sivālik-Säulenedikt VII β, 1. 7 madave ), wird daher Eberlust bedeuten und der Name irgend einer essbaren Pilzart sein. Auch wir haben ja derlei Gewächse mit ähnlichen Namen bedacht, ex jure primi possidentis, und sagen Saubrod (eine Erdnuss), Hirschtrüffel, Hirschschwamm, Bärwurz, Bärenklee, Hasenampfer; vergl. auch Benennungen wie Eberesche, Kuhbaum, Wolfsmilch, Schlangenkraut, Schaafgarbe, Geißblatt. Cundo der Schmidt gehörte nun offenbar nicht der Jägerkaste an und war als wohlhabender indischer Handwerker gewiss nicht gewohnt Saubraten zu essen oder darzureichen. Am Markt gekaufte Wurzeln, Kräuter und Schwämme dürfte er zubereiten lassen und zum täglichen Reis mit angeboten haben. Unter die letzteren werden unglücklicherweise auch giftige gerathen sein und der Buddho hat es alsbald gemerkt. — Das Verdienst die Sache ans Licht gezogen zu haben gebührt dem Verfasser des trefflich ausgearbeiteten »Buddhistischen Katechismus«, Friedrich Zimmermann (Subhadra Bhikschu), s. 4. Aufl., Braunschweig 1894, p. 26 f. Dieser wieder verdankt, nach persönlicher Mittheilung, die erste Anregung einem Artikel im Journal of the Mahā-Bodhi-Society, vol. I., No. VIII. p. 2–3, Kalkutta 1892, wo der Hauspaṇḍit der Zeitschrift unsere Stelle nach dem Kommentare Dhammapālācariyos zu KhN, Udānam VIII., 5., (p. 81) erörtert und Aeußerungen Rhys Davids’, Bigandets, Rockhills und Colonel Olcotts, der nachdrücklich auf die richtige Bedeutung hinweist, wiedergiebt. Aus dem Kommentare geht hervor, dass der Irrthum schon in den Scholien der Mahā Aṭṭhakathā aufgetischt, aber von ›Anderen‹, d. h. besseren Beobachtern, erkannt worden ist. Die heutigen Mönche Zeilons lassen sich über diese Frage mit der ihnen bei solchen ἀδιαφοροις eigenen Indifferenz aus und stellen die einander widersprechenden Erklärungen der Kommentatoren als gleich möglich hin; doch neigen sie seit einigen Jahren, wie sie sagen, mehr zu der eben dargelegten Ansicht. Einer der berühmtesten Nāyakas, der ehrwürdige Terunnānse des Maligakandapariveṇa in Kolombo Hikkaḍuwe Sumaṉgala meinte mit verächtlichem Lächeln: Ob der Buddho vor seinem Ende Pilze oder Fleisch, eine Brühe oder was sonst zu sich genommen habe, sei dem Buddhisten sehr gleichgültig; er wisse: alle Nahrung ist Elend. Na hi āhārena suddhī ti. Dass diese Worte keine hohle Phrase waren konnte ich täglich beobachten. Wie einst so schreitet auch heute noch der Mönch am Vormittag durch das Dorf hin, alter wie junger, niemals ein Wanst, fast immer eine schlanke, asketische Gestalt, gemessenen Ganges, barhäuptig, kahlgeschoren wie Scipio, gesenkten Blickes, unter der langen gelben Toga die Almosenschaale halb verborgen im Arme, und tritt von Hütte zu Hütte, eine kleine Weile unbeweglich wartend, ob ihm eine milde Hand einen Bissen Speise in die Schaale senken werde; und stumm zieht er weiter, ohne ein Wort des Grußes, ohne ein Wort des Dankes, ohne aufzublicken, ohne eine Miene zu verziehen. Ist seine Schaale, ein halbkugelförmiger glatter Napf von 20–25 cm Durchmesser, nach Gutdünken voll geworden, dann kehrt er in seine blühende Einsiedelei oder, an größeren Orten, in sein luftiges Kloster zurück und nimmt langsam und reinlich das Mahl ein, ohne auszuwählen, Flüssiges und Festes vermischt, wie’s eben im Napfe sich vorfindet. Um 12½ muss er gespeist und sich Mund und Hände gewaschen haben und braucht nun bis zum nächsten Vormittag nicht mehr ans Essen zu denken. Und strenge wird Zucht gehalten, eine Observanz, die in günstigem Lichte erscheint, in entschieden günstigerem als Berichterstatter mit gemächlichen Ohren und eiligen Augen es gelegentlich schildern.

DIE UEBERSETZUNG

Wer Pāli kann braucht kein geborgtes Licht; wenn die Sonne scheint vermissen wir nicht den Mond. Um Pāli wirklich zu verstehn sind aber, meines Erachtens, vorerst zwei Dinge unerlässlich: 1) eine möglichst gründliche Kenntniss der besten Saṃskṛt-Texte und wiederholte Beschäftigung mit ihnen, und 2) jahrelang geübtes Studium der Pāli-Urkunden. Den Kampf mit dem spröden Stoffe ohne dieses nothwendigste Rüstzeug aufnehmen verspricht geringen Erfolg, wie viele, oft redlich beflissene Uebersetzungen intra et extra muros deutlich darthun. Man ist nur allzu geneigt die verhältnissmäßig leichte Zugänglichkeit der Pāli-Texte sogleich auch für leichte Schmelzbarkeit zu halten. Man zerlegt ein dutzend Perioden, giebt den ungefähren Inhalt an und glaubt schon, dies wäre, im Großen und Ganzen, alles. Ein ehrenwerther Rechtsanwalt in Kandy, Siṇhalo-Holländer, der mich einmal[S. XXXIII] mit einem Mönche reden gehört hatte, meinte nachher: ‚Wenn ich nur die Zeit hätte! In drei Monaten würd’ ich das ganze Pāli bemeistert haben.‘ Er ließ sich von gelegentlichen Anklängen ans Siṇhalesische bestechen. Wie mancher Biedermann bei uns gleicht mit seinem bischen Saṃskṛt diesem würdigen Holländer: nur mit dem Unterschied, dass er sich keine drei Monate Zeit nimmt, zur »Meisterung«. Er betreibt sie sein ganzes Leben lang, so nebenher.

Schön und gut sind nun wohl die zwei genannten unerlässlichen Eigenschaften, doch reichen sie zu einer Uebersetzung keineswegs hin. Am Schlusse der Anmerkungen zum West-östlichen Divan stellt Goethe drei Arten von Uebersetzungen auf, die prosaische, die parodistische und die identische. Die beiden ersten seien in ihrem Sinne recht brauchbar und verdienstlich, wahre Befriedigung könne nur die letzte gewähren. »Eine Uebersetzung, die sich mit dem Original zu identifizieren strebt, nähert sich zuletzt der Interlinearversion und erleichtert höchlich das Verständniss des Originals; hiedurch werden wir an den Grundtext hinangeführt, ja getrieben, und so ist denn zuletzt der ganze Zirkel abgeschlossen, in welchem sich die Annäherung des Fremden und Einheimischen, des Bekannten und Unbekannten bewegt.« Sollte in den folgenden Blättern jene Identität auch nur hier und da zum kleinsten Theile sichtbar werden, dann wäre das Verständniss des Grundtextes allerdings wesentlich leichter, obgleich nicht mühelos geworden. Die Reden stammen zwar aus dem 6. Jahrhundert vor Christus: aber sie machen zuweilen den Eindruck als gehörten sie ins 6. Jahrhundert nach Schopenhauer.

Wien, im Herbst 1895.

KARL EUGEN NEUMANN.

ERSTER THEIL
BUCH DER URART

1.

Erster Theil

Erste Rede