»Wohl, Bruder, wir kommen!« sagten jene Mönche und begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder. Zu den dort Sitzenden sprach nun der Erhabene also:
»Ist es wahr, wie man sagt, dass unter euch Mönchen Zank und Streit ausgebrochen sei, dass ihr mit einander hadert und scharfe Wortgefechte führt? Dass ihr euch nicht versöhnen könnt und eine Versöhnung zurückweist, dass ihr euch nicht verständigen könnt und der Verständigung unzugänglich bleibt?«
»Allerdings, o Herr!«
»Was meint ihr nun, Mönche: zu einer Zeit wo ihr unter einander in Zank, Streit und Hader liegt und euch mit scharfer Rede angreift, dient ihr wohl zu einer solchen Zeit eueren Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen als verborgen, mit liebevollem Wort, so offen als verborgen, mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen?«
»Freilich nicht, o Herr!«
»So ist es klar, Mönche, dass ihr zu einer solchen Zeit eueren Ordensbrüdern weder mit liebevoller That dienet, so offen als verborgen, noch mit liebevollem Worte, so offen als verborgen, noch mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen. Was wollt ihr also, Bethörte, was bezweckt ihr, was beabsichtigt ihr mit euerem Zanken, Streiten und Hadern, {322} mit eurer scharfen Rede, mit eurer Unversöhnlichkeit und Unverständigkeit? Das wird euch Bethörten lange zum Unheil, zum Leiden gereichen.«
Und der Erhabene wandte sich nun an die Mönche:
»Sechs Dinge giebt es, ihr Mönche, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen: und welche sind das? Da dient, ihr Mönche, ein Mönch seinen Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen als verborgen. Das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Worte, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: wenn der Mönch Gaben empfängt, Ordenspenden, so theilt er sie nicht nach Belieben, sondern bis auf die Brocken in seiner Almosenschaale nach dem Maaße der bewährten Brüder des Ordens. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch bewahrt die Ordenspflichten, ungebrochen, unverletzt, ungemustert, ungesprenkelt, aus freiem Entschlusse, als von Verständigen gepriesen, nicht angetastet, zur Vertiefung tauglich, er übt diese Pflichten gleich seinen Ordensbrüdern, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch hat jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht, jene Ansicht hat er mit seinen Ordensbrüdern gemeinsam bewahrt, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt.
»Das aber, Mönche, sind die sechs Dinge, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen. Und von diesen sechs Dingen, ihr Mönche, die nicht zu vergessen sind, ist eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: es ist jene Ansicht, die heilige ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht. Gleichwie etwa, Mönche, bei einem Thurme eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen ist, nämlich die Zinne: {323} ebenso nun auch, ihr Mönche, ist bei diesen sechs Dingen, den nicht zu vergessenden, eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht.
»Wie reicht nun, ihr Mönche, jene Ansicht, die heilige, ausreichende, dem Grübler zur völligen Leidensversiegung aus? Da geht, ihr Mönche, der Mönch in den Wald, oder an einen Baum, oder in leere Klause, und erforscht sich also: ›Ist wohl in mir noch eine Umspinnung, die mein Herz derart umsponnen hat, dass ich nicht klar und richtig denken und sehn kann?‹ Wenn ein Mönch, ihr Mönche, gierumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, hassumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, trägheitumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, stolzumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, zweifelumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, dieser Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, jener Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, Zank und Streit liebt, hadert, sich in scharfe Reden einlässt, so ist sein Herz eben umsponnen. Er aber erkennt: ›Es ist keine Umspinnung in mir, die mein Herz derart umsponnen hätte, dass ich nicht klar und richtig denken und sehn könnte. Wohl empfänglich ist mein Sinn, die Wahrheiten zu fassen.‹ Das ist die erste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.