»Darum also, ihr Mönche: was ihr vom Sinn meiner Rede verstehet, das bewahret getreu; was ihr aber vom Sinn meiner Rede nicht verstehet, das muss ich mit euch besprechen, auf dass es wohlbelehrte Mönche gebe.
»Als Floss, ihr Mönche, will ich euch die Lehre weisen, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten. Das höret und achtet wohl auf meine Rede.«
»Ja, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann, auf der Reise, an ein ungeheueres Wasser käme, das diesseitige Ufer voller Gefahren und Schrecken, das jenseitige Ufer sicher, frei von Schrecken, und es wäre kein Schiff da zur Ueberfuhr, keine Brücke diesseits um das jenseitige Ufer zu erreichen. Da würde dieser Mann denken: ›Das ist ja ein ungeheueres Wasser, {135} das diesseitige Ufer voller Gefahren und Schrecken, das jenseitige Ufer sicher, frei von Schrecken, und kein Schiff ist da zur Ueberfuhr, keine Brücke diesseits um jenseits hinüberzugelangen. Wie, wenn ich nun Röhricht und Stämme, Reisig und Blätter sammelte, ein Floss zusammenfügte und mittelst dieses Flosses, mit Händen und Füßen arbeitend, heil zum jenseitigen Ufer hinübersetzte?!‹ Und der Mann, ihr Mönche, sammelte nun Röhricht und Stämme, Reisig und Blätter, fügte ein Floss zusammen und setzte mittelst dieses Flosses, mit Händen und Füßen arbeitend, heil ans jenseitige Ufer hinüber. Und, gerettet, hinübergelangt, würde er also denken: ›Hochtheuer ist mir wahrlich dieses Floss, mittelst dieses Flosses bin ich, mit Händen und Füßen arbeitend, heil ans jenseitige Ufer gelangt. Wie, wenn ich nun dieses Floss auf den Kopf heben oder auf die Schultern laden würde und hinginge, wohin ich will?‹ Was haltet ihr davon, Mönche? Würde wohl dieser Mann durch solches Thun das Floss richtig behandeln?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Was hätte also, ihr Mönche, der Mann zu thun, damit er das Floss richtig behandelte? Da würde, ihr Mönche, dieser Mann, gerettet, hinübergelangt, also erwägen: ›Hochtheuer ist mir wahrlich dieses Floss, mittelst dieses Flosses bin ich, mit Händen und Füßen arbeitend, heil an das jenseitige Ufer hinübergelangt. Wie, wenn ich nun dieses Floss ans Ufer legte oder in die Fluth senkte und hinginge, wohin ich will?‹ Durch solches Thun, wahrlich, ihr Mönche, würde dieser Mann das Floss richtig behandeln. Ebenso nun auch, ihr Mönche, habe ich die Lehre als Floss dargestellt, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten.
Die ihr das Gleichniss vom Flosse, ihr Mönche, verstehet,
Ihr habt auch das Rechte zu lassen, geschweige das Unrecht.
»Sechs verkehrte Lehren, ihr Mönche, sind das; welche sechs? Da betrachtet, ihr Mönche, der unerfahrene gewöhnliche Mensch, der Heiligen ungewärtig, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre fremd — der Edlen ungewärtig, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen fremd, den Körper: ›Der gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; er betrachtet das Gefühl: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; er betrachtet die Wahrnehmung: ›Die gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; er betrachtet die Unterscheidungen: ›Die gehören mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; und was da gesehn, gehört, gedacht, erkannt, erreicht, erforscht, im Geiste untersucht wird, auch davon hält er: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; und auch den Glaubenssatz, welcher da lehrt: ›Das ist die Welt, das ist die Seele, das werde ich nach meinem Tode werden, unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar, ewig gleich, {136} ja, werde ich so verbleiben‹, auch davon hält er: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst.‹
»Der erfahrene heilige Jünger aber, ihr Mönche, der Heiligen gewärtig, der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre vertraut — der Edlen gewärtig, der Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen vertraut, betrachtet den Körper: ›Der gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹; er betrachtet das Gefühl: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹; er betrachtet die Wahrnehmung: ›Die gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹; er betrachtet die Unterscheidungen: ›Die gehören mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹; und was da gesehn, gehört, gedacht, erkannt, erreicht, erforscht, im Geiste untersucht wird, auch davon hält er: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹; und auch den Glaubenssatz, welcher da lehrt: ›Das ist die Welt, das ist die Seele, das werde ich nach meinem Tode werden, unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar, ewig gleich, ja, werde ich so verbleiben‹, auch davon hält er: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Also die Dinge betrachtend kennt er kein unverständiges Zittern.«