Richtig, nebenan ging es ticktack, jenes Geräusch, das mir in den ersten Tagen nach dem Einzug des Fräuleins in diese Räume so unheimlich geworden war. Der Fall wurde mir immer merkwürdiger; waren wir beide wenigstens in Hinsicht auf diese abscheuliche Uhr wahlverwandt?

Sie hatte meinen erstaunten Blick nicht bemerkt und fuhr, ausschließlich mit ihren Gedanken und Erfahrungen beschäftigt, in nervöser Heftigkeit fort: »Die Stunde schlägt, wo eine verhaßte Gestalt sich mir nähert, drohend, ihr Recht fordernd. Zuweilen weiß ich nicht, ob nur das Spiel meiner aufgeregten Phantasie sie herbeibeschwört, ob es Wirklichkeit ist. Was ist überhaupt Wirklichkeit? Eine Weile lassen mich die schrecklichen Bilder in Ruhe, aber es ist ein trügerischer Friede, unerwartet stehen sie wieder vor mir da.«

War es nun die sichtliche Angst des schönen Mädchens, die rührende Bitte um Hilfe, die eben so beredt aus ihren Augen wie aus dem Tone ihrer Stimme sprach, oder das immerhin merkwürdige Problem, unter welchen Bedingungen Traumbilder, Phantasie-Vorstellungen eine scheinbare Realität und Körperlichkeit unsern Sinnen gegenüber erhalten können, was mich fesselte – genug, ich blieb und fing an zu fragen, halb als Arzt, halb als Beichtiger. So weit war in wenigen Minuten mein Wille vom Zufall umgestimmt worden.

»Allein dies Unerwartete,« sagte ich auf ihre letzte Aeußerung, »kann sich doch nicht ohne einen äußeren Anstoß ereignen. Ihre Phantasie muß eine Anregung, einen Eindruck von außen her empfangen, der jene halb entschwundene Reihe von Vorstellungen wieder in den Vordergrund treten läßt und dem Einzelnen wieder feste Formen und helle Farben giebt. Erinnern Sie sich nur genau, was Ihnen gestern Abend geschehen ist. Ich will Ihrem Gedächtniß zu Hilfe kommen. Da wir Nachbarn sind und einzig eine dünne Wand uns trennt, hörte ich Sie in der Nacht in heiterer Stimmung Ihr Zimmer betreten.«

»O mein Gott!« Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Was hab' ich da gemacht? Sie waren noch wach, Sie haben gehört – ich muß einen Schrei ausgestoßen haben« ...

»Ja – und ich möchte Sie als Arzt fragen, was die Ursache Ihres Schreckens war« ...

»Ein Brief, der mir eine Ankunft ankündigte« –

»Eines ehemaligen Liebhabers?« fuhr es mir heraus. Ich fühlte mich wieder ernüchtert und erkannte die Sphäre, in der ich mich befand – ein abenteuerliches, phantastisch aufgeputztes Komödiantenthum.

»Warum nicht?« fragte sie zurück. »Glauben Sie nicht, daß man sich vor der Liebe fürchten kann?«

»Ich bin so fest davon überzeugt wie Sie, nur meine ich« – und ich deutete auf meine grauen Haare – »daß für mich kein Platz in dieser Geschichte sein dürfte. Was der Arzt Ihnen sagen konnte, hab' ich Ihnen gesagt. Ihr Körper bedarf der Ruhe, des Schlummers – das Uebrige, was allerdings das Wichtigere ist, liegt außerhalb des Bereiches meiner Wissenschaft. Unruhige Seelen zu beruhigen, giebt es in der Apotheke kein Mittel.«