»Sie wollen mich in Unmuth verlassen, als ob das Opfer einer tollen Leidenschaft Ihres Rathes und Ihrer Hilfe weniger würdig wäre, als jede andere Kranke« ...
Sie kam nicht weiter; draußen wurde ungestüm an der Klingel gerissen und zugleich hob im Nebenzimmer die Uhr zum Stundenschlage aus – zwölf Schläge. Der hellste Mittagssonnenschein eines freundlichen Herbsttages schaute, so weit es ihm die niedergelassenen weißen Fenstervorhänge gestatteten, in das Gemach. Mit dem Schrei: »Er ist es!« war die Schauspielerin bewußtlos rücklings niedergesunken. Wenn dies schon Komödie war, so wurde sie zum mindesten gut gespielt. Um die Ohnmächtige beschäftigt, achtete ich des heftigen Gezänkes nicht, das sich auf der Vorflur zwischen der Dienerin und dem ungeberdigen Besucher entspann. Gerade als ihr die Besinnung zurückkehrte, stürzten die Zankenden ins Zimmer, voran der Fremde, hinter ihm die Dienerin, die ihn zurückzuhalten suchte. Aergerlich drehte ich mich um und richtete mich dem Störenfried gegenüber in meiner ganzen ärztlichen Würde auf.
»Wer erlaubt Ihnen hier einzudringen? Bei einer Kranken! Wenn man Ihnen den Eintritt weigert« ...
»Und wer sind Sie?« fuhr er grimmig heraus, »der« ...
»Das möcht' ich Sie fragen. Ich bin der Arzt und im Augenblick der Herr hier.«
Ich stand zwischen ihm und dem Mädchen, auf der Schwelle der Thür, den Arm abweisend erhoben. Offenbar hatte ihn diese unerwartete Begegnung außer Fassung gebracht; er maß mich mit einem halb geringschätzenden, halb mißtrauischen Blicke, aber diese Prüfung mochte insofern zu meinen Gunsten ausfallen, da er nichts von einem Liebhaber an mir entdeckte. Zögernd that er einen Schritt rückwärts. »Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er, mit den Zähnen seine Unterlippe beißend.
Da klang es wie das Zuschieben eines Riegels hinter mir. Ich drehte mich um, das Gemach war leer. Man ist nicht unbetrogen bei einer Schauspielerin. Während meiner Verhandlung mit dem ungebetenen Gaste hatte das Fräulein die günstige Gelegenheit ergriffen, sich mit ihrer Zofe in ein anderes Zimmer zu retten. Um den Mund des Fremden flog ein boshaftes Lächeln, das eben so gut der schönen Entflohenen wie mir gelten konnte.
»Ich werde mir ein anderes Mal erlauben, bei Fräulein Themar vorzusprechen, wenn sie allein ist,« sagte er und rückte an seinem Hute, wie einer, der sich entfernen will.
»Das werden Sie nicht, mein Herr, so lange sich das Fräulein in meiner Behandlung befindet. Es ist gleichgiltig, was Sie mit der Dame zu verhandeln haben – und wenn es das Wichtigste wäre, es muß vor der Sorge um ihre Gesundheit zurücktreten. Einem Gentleman brauche ich nichts mehr zu sagen.«
Während meiner Rede hatte ich ihn genauer ins Auge fassen können. Eine kräftige, gedrungene Gestalt mit einem ausdrucksvollen Kopfe, stechende Augen unter buschigen Brauen, eine Adlernase in dem breiten Gesicht, das von einem dichten röthlichen Vollbart umrahmt wurde – das Ganze herrisch und raubthierartig, aber nicht häßlich im gemeinen Sinne – der Mann, etwa im Ausgang der zwanziger Jahre, war ohne Zweifel Soldat gewesen, Offizier, Rittergutsbesitzer.