»Ich danke Ihnen für die Mittheilung,« entgegnete er. »Mein Geschäft kann in der That warten, meine Anwesenheit in der Stadt genügt. Zugleich freut es mich, gleich am Tage meiner Ankunft eine so interessante Bekanntschaft ... Ah, verzeihen Sie – ich bin der Freiherr Egon von Lüttow« –
»Und ich der Geheime Medicinalrath Gotthold Werben.«
»Noch einmal Entschuldigung und guten Morgen.«
Er trat in den dämmerigen Corridor zurück; die Außenthür stand noch halb offen; hinausgehend drückte er sie leise ins Schloß. Auf der Vorflur verweilte er einen Augenblick. Er mochte an der gegenüber liegenden Thür meinen Namen auf dem Messingschilde gelesen haben. Mir war es, als hörte ich sein unterdrücktes kaustisches Gelächter. Dann ging er schwer auftretend die Treppe hinunter. Unbeweglich verharrte ich in meiner Stellung, hinaushorchend – ich hatte eine Besorgniß, als könne er wieder umkehren und den peinlichen Auftritt von vorn beginnen. Erst als ich von seiner Entfernung überzeugt war, trat ich in das Zimmer zurück. Wenig hätte gefehlt, so wäre mir meine Schöne zu Füßen gefallen. Sie fand keine Worte, nur Thränen und Schluchzen, mir ihre Dankbarkeit zu betheuern. Aber ich hielt ihr nicht lange Stand, befahl ihrem Mädchen, sie zu Bett zu bringen, und ging in meine Wohnung hinüber. Das kommt von der Nachbarschaft, brummte ich verdrießlich in mich hinein. Die Dame hatte mir offenbar eine Scene vorgespielt, um mich als Blitzableiter zu verwenden gegen einen eifersüchtigen, einen abgedankten, einen betrogenen – ja, was wußte ich, zu welcher Art von Liebhabern der Rothbart gehörte! Nur das Eine schien mir gewiß, daß er mich für einen Gecken halten mußte, der sich zum Vertheidiger einer Schauspielerin aufwirft, der wohl gar darauf ausgeht, die Rolle des Seelenretters zu übernehmen. Besann ich mich dann auf das Einzelne zurück, was ich seit einer Stunde gethan und gesagt, konnte ich freilich nichts entdecken, was ich anders hätte machen, was unterlassen können, ohne gegen die Pflichten eines Arztes zu verstoßen. Das Fräulein war krank: dies mußte schließlich alle Einwendungen und Vorwürfe niederschlagen. Die Stellung eines Arztes ist eben so peinlich, eben so hundertfältigen Verdächtigungen, der Reue und der Selbstanklage ausgesetzt wie die eines Beichtigers. In der Welt, wie sie ist, büßen wir nicht nur unser Wesen, sondern auch die Zufälligkeiten unseres Standes, unseres Glücks oder Unglücks.
Es traten aber im Verlaufe dieses Tages so viele andere Angelegenheiten und Beschäftigungen an mich heran, daß ich nicht lange dem Abenteuer nachhängen oder mir wohl gar seine möglichen Folgen ausmalen konnte. Als ich am Abend bei meiner Nachbarin noch einmal vorsprach, fand ich ihren Zustand in der Besserung, ihre Aufregung im Sinken begriffen. Um ihr die Nachtruhe, so weit es bei mir lag, zu sichern, gelobte ich ihr, für die nächsten Tage ein achtsames Auge auf ihre Thür zu haben und alle ungelegenen Besuche von ihr fern zu halten. Sie dankte mir gerührt, noch mehr mit ihren schönen, schmachtenden Augen als mit ihren Worten. Ganz ohne Bestrafung für meine mitleidige Regung kam ich freilich nicht davon. Spät am Abend störte mich nämlich wieder die verwünschte Uhr, die Dienerin hatte sie aus dem Schlafzimmer der kranken Herrin an ihren früheren Platz zurück gestellt. Ich hatte mich ja so gutmüthig und menschenfreundlich bewiesen, daß man mir dies auch noch anthun konnte. Je rücksichtsvoller wir sind, desto mehr wird gegen uns gesündigt. Allein wenn der Dame die Uhr so lästig fiel, wie mir – wenn gerade der Glockenschlag dieser Uhr ihr eine unheimliche Erinnerung wieder erweckte, ein gespenstisches Gesicht heraufbeschwor, warum hatte sie sich derselben nicht längst entäußert? Ein Spukhaus sucht der Besitzer selbst mit Verlust zu verkaufen, und eine Uhr wird man leichter los als ein Haus. Wie sie nur aussehen mochte, diese abscheuliche Uhr! Ich war überzeugt, daß es ein Erbstück sein mußte, aus dem vorigen Jahrhundert; moderne Uhren, redete ich mir ein, hätten einen ganz anderen Schlag. Und was der phantastischen Tollheiten mehr waren. Der Gespenster- und Automaten-Hoffmann hätte an mir seine Freude gehabt. Welch höhnisches Koboldlachen würde er ausgestoßen haben, wenn er am nächsten Vormittag mein langes dummes Gesicht gesehen! Ich trete bei meiner Kranken ein – viel mehr mit der Uhr als mit ihr beschäftigt, in der gewissen Hoffnung, nun endlich einmal meinen unsichtbaren Gegner zu Angesicht zu bekommen. Ja, wer nicht da ist, das ist die Uhr. Sie hat wieder ihren Platz gewechselt, und ich getraue mich nicht nach ihr zu fragen. Wie ich erwartet, haben die Tropfen eine gute Wirkung geübt. Die Augen des Fräuleins haben einen hellern Glanz, ihre Wangen färbt ein leichtes, feines Roth. Sie ist nicht im klassischen Sinne schön, ihre Formen sind ein wenig zu voll, ihre Züge zu stark dafür, aber die Anmuth ihrer Bewegungen und die Bescheidenheit ihrer Haltung lassen diese Mängel dem Betrachter nicht zum rechten Bewußtsein kommen. Der Reiz des Gesammtbildes verführt, mögen die Einzelheiten sein, wie sie wollen. Um sie in guter Stimmung zu erhalten, lenkte ich das Gespräch von den gefährlichen Klippen ab, an die es gestern gestreift. Das Theater bot sich als der geeignetste Unterhaltungsgegenstand dar, zunächst die Rolle, in der ich sie gesehen.
»Nicht wahr, ich bin eine schlechte Schauspielerin?« unterbrach sie mich.
Mit schonendem Freimuth, ohne ein starkes Wort des Tadels gegen sie, setzte ich ihr meine Ansichten über die Rolle auseinander. Aufmerksam hörte sie mir zu, immer unverkennbarer sprachen sich Erstaunen und Theilnahme in ihren Zügen aus.
»Nie hätte ich von einem hochberühmten Arzt eine so feine Kenntniß der Schauspielkunst erwartet,« meinte sie, »wie viel könnte eine bessere Künstlerin als ich von Ihnen lernen!«
»Warum sollte ein Arzt nichts von der Kunst, Menschen auf der Bühne darzustellen, verstehen?« entgegnete ich. »Genauer als Andere kennt er – muß er die Gesetze unseres Organismus kennen; auch unsere Gefühle, die Bewegungen, durch die wir sie zum Ausdruck bringen, unterliegen unabänderlichen Gesetzen.«
Und so weiter. Das Thema war umfassend und anregend und bot nach keiner Richtung einen Anstoß. Ich erfuhr, daß sie erst seit drei Jahren der Bühne angehöre, nur eine kurze Lehrzeit durchgemacht habe und über ihr Verdienst vom Glück begünstigt worden sei.