»Die Leute sagen, ich sei hübsch,« lachte sie, »und hat man dann nur einen starken Willen und eine laute Stimme, kann man es auf den Brettern weit bringen.«

»Sie lieben die Kunst?« wagte ich mich heraus: erst, als ich sie gethan, fiel mir die Dummheit der Frage ein. Konnte sie anders als mit einem Ja darauf antworten?

»Oh, Sie fragen mich mit so strengen Augen, als ginge es um Seele und Seligkeit. Ich liebe schon die Kunst und möchte gern eine berühmte Schauspielerin werden,« antwortete sie. »Aber ich will Ihnen nichts vorspiegeln. Die verzehrende Liebe, die Sie meinen, die Begeisterung und Hingabe, die Sie für Ihre Wissenschaft hegen – ich habe sie nie für die Bühne gehabt. In der Welt, wie sie ist, kann eine Frau trotz aller schönen Redensarten nur in der Kunst vorwärts kommen. Von Jugend auf war mein Sinn auf das Bunte und Glänzende gerichtet; ich darf mit Recht sagen, ich spiele mit Lust Komödie, ich liebe das Handwerk.«

Zum Mindesten, dachte ich bei mir, ist dies ein aufrichtiges Wort, sie will leben und genießen und wirft über den derben Realismus ihrer Wünsche keinen idealischen Mantel. So schieden wir als gute Freunde, und es war eben so herzlich wie natürlich, als sie mich zur Thüre geleitend plötzlich meine Hände faßte und sagte:

»Sie haben sich heute selbst verrathen und dürfen mir es nicht verargen, wenn ich künftig nicht nur den Arzt, sondern auch den Kunstkenner um Rath frage, noblesse oblige

»Hexe!« rief etwas in mir, und ich ging hinüber.

Am Abend dieses Tages saß ich im Kaffeehause in vergnüglichster Stimmung; ich hatte eben meinem alten Freunde und Collegen, dem Doctor Bastian – wenn es je einen Materialisten und Cyniker ohne Feigenblatt gegeben, war er es – eine Partie Domino abgewonnen und ließ ihn, meinen Kaffee schlürfend, noch einmal alle seine Spielfehler nachdenklich überlegen, als ein anderer Gast, der dem Ausgang zuschritt, meinen Sessel streifte. Ich sah auf.

»Guten Abend, Herr Medicinalrath,« sagte mein Rothbart. »Wie geht es Ihrer Kranken? Noch immer Clausur?«

Den Spott, der noch mehr in seiner Stimme als in seinen Worten lag, überhörte ich und erwiderte nur:

»Nicht für immer, Herr von Lüttow. Wenn Sie wollen, können Sie übermorgen Ihr Heil versuchen. Ich bin kein Argus.«