»Er ist fort!« sagte sie, sich von mir losreißend. »Mein Gott! was hab' ich gethan?«
Das lang verhaltene, halb bekämpfte Gefühl sprengte alle Bande, und wie von einer höheren Gewalt wider Willen fortgerissen, breitete sie die Arme gegen die Thür aus, durch die er entschwunden war: »Egon! Egon! ich liebe dich!« und fiel wie tot nieder.
Zu ihrem Heil! Denn so in ihrer Besinnungslosigkeit hörte sie den Schuß nicht, der ihr Antwort auf ihren Ruf gab. Unten in der Flur des Hauses hatte sich Lüttow mit einem Revolverschuß getötet, gerad' ins Herz hinein. Mit unheimlichen Gedanken war er gekommen, nun hatte er sich selbst für immer beruhigt. –
Was ist unser Leben! Von welchen Mächten hängt es ab? Diese zwei Menschen schienen für einander bestimmt zu sein, und es genügte, daß die Empfindung um wenige Atemzüge zu spät die halb physische, halb psychische Hülle, unter der sie lag, durchbrach, um das Glück Beider zu vernichten. Oder wußte es das Unbewußte besser? Hatte Elsa's Seele die richtige Vorahnung, daß sie in der Liebe zu Lüttow niemals zur Ruhe kommen würde, und fand sie darum erst das entscheidende Wort, als es zu spät war? Die Leidenschaft macht nicht glücklich, aber ach! wenn ich mich selber betrachte, auch die Entsagung nicht. Auf anderem Wege, als Lüttow, war ich zu demselben Ziele gelangt. Sein keckes Zugreifen hatte ihm so wenig genützt, wie mir mein bescheidenes Zurücktreten.
Und wenn nun wenigstens sein Tod und mein Schmerz ihr eine reine und heitere Zukunft bereitet hätten! Aber ihr Sinn ist düster und ihr Herz herbe geworden. Nur die Kunst hat von all unserem Elend Vorteil gezogen. Elsa Themar ist eine große tragische Schauspielerin. Fern von unserer Stadt, die sie nach der schrecklichen Katastrophe verlassen hat, feiert sie Triumphe.
Ob ich sie noch einmal im Leben sehen werde? Ich hoffe es kaum. Je zuweilen in langen Zwischenräumen schreiben wir uns freundliche, ja zärtliche Briefe, wie zwischen Vater und Tochter, aber mir ist es oft, als starre aus den lieben Worten ein finsteres Auge fragend mich an: hast du vielleicht doch durch deine Dazwischenkunft und deine voreilige Geschäftigkeit den unseligen Ausgang mit herbeigeführt?
Sind das nur Wahngebilde eines einsamen Träumers, der zu tief über die Vergangenheit und das Rätsel des Lebens nachgrübelt, oder ist es die unklare Stimme des Gewissens, das eine Schuld empfindet und sie doch nicht bezeichnen kann? Ich wühle in der alten Wunde, aber die Kugel finde ich nicht – den Punkt nicht in dieser Geschichte, wo ich mit meinem Wesen und Charakter anders hätte handeln können und müssen, als ich es gethan.
Eines der alltäglichsten Dinge, eine Uhr, bildete den Einschlag dieses Gewebes, in dem sich für mich so wundersam Vergangenheit und Gegenwart, Diesseits und Jenseits verbanden. Sorgfältig bewahre ich die dürftigen Scherben jenes Ziffernblattes und die Reste des Werkes – sie werden sich niemals zu jenem Ganzen wieder zusammenfügen, das sichtbarlich meiner Freuden wie meiner Schmerzen unvergessene Minuten zeigte. So behalten wir von all' unseren Geschicken, Empfindungen und Erfahrungen gleichsam auch nur Trümmer in der Hand und wundern uns dann, daß sie, wie wir sie auch wenden und drehen, nicht mehr recht zusammenstimmen wollen, weil sie den Klang verloren haben, der einst in ihnen war und sie verband.
Ende.
Frenzel, Erzählungen (Das Abenteuer. Der Hausfreund. Die Uhr.) Zus. in einem Geschenkband 2 Mark