»Das ist wider die Abrede, Herr von Lüttow,« entgegnete ich. »Sie lassen es mich bald genug bereuen, für Sie gesprochen zu haben.«

Bei dem ersten Ton seiner Stimme hatte Elsa gezittert, aber sei es nun, daß sie diesen Zusammenstoß im Voraus geahnt, oder daß ihr die Erregung des leidenschaftlichen Gesprächs, das sie mit mir über Lüttow geführt, ungewohnte Stärke verlieh – sie zuckte nicht, die Hand auf den Marmorsims des Kamins gestützt, stand sie, mit bleichem Gesicht und bebenden Lippen.

»Herr von Lüttow, Sie entehren sich durch diesen Ueberfall. Was wollen Sie von mir? Soll ich Ihnen wiederholen, daß ein Abgrund zwischen uns gähnt?«

»Ein Abgrund? Soll ich ihn vielleicht noch durch die Leiche des Herrn da überbrücken?« meinte er spöttisch, auf mich zeigend. »Höre mich, Elsa! Ich liebe dich wie ein Rasender, und du warest nicht immer so unempfindlich und unnahbar wie jetzt! Ich fordere Wahrheit, warum stößest du mich zurück?«

Ich wollte mich zwischen Beide werfen, denn ein Unglück schien unvermeidlich bei der Wut, die aus seinen Blicken und Worten sprach, aber Elsa drängte mich zurück.

In diesem Augenblicke schlug die Uhr mit ihrem dröhnenden Klange die neunte Stunde.

»Sie wollen es wissen?« rief sie wie außer sich. »Sagt Ihnen diese Stunde nichts? So wie heute sind Sie um diese Abendstunde in mein Zimmer gedrungen, um mir zu sagen, daß Sie am Morgen Ihren Freund erschossen hätten. Da wußt' ich, was mein Loos – da wußt' ich, daß Sie mein Mörder werden würden. Sehen Sie denn nicht den Schatten, der neben Ihnen steht – er winkt mir! er winkt!« Und mit einem erstickten Schrei warf sie sich an meine Brust.

Lüttow hatte beide Fäuste geballt – er drang auf mich ein, als ob er mit einem Schlage mich und sie niederstrecken wollte. War es ein Zufall, daß er daran stieß oder traf sein erhobener Arm im Niederfallen die Konsole, auf der die Uhr stand – mit lautem Gekrach stürzte sie auf den Teppich des Gemachs. »Verfluchtes Gespenst!« schrie er und stampfte mit dem Fuße auf die Trümmer. Von dem Lärm und dem Geräusch der fallenden Uhr erschreckt, öffnete die Dienerin die Thür des Nebenzimmers.

»Es ist nichts!« sagte er. »Eine Uhr ist zerbrochen. Ich bin nicht so schlimm, wie ich aussehe, Fräulein Themar. Ohne Sorge, ich werde nicht Ihr Mörder werden. Gute Nacht, ich werde Sie nicht wiedersehen.«

Und den Mantel dicht zusammenschlagend, war er hinaus. Alles so schnell, gespenstisch fast, daß ich ihn, Elsa im Arme, weder festhalten noch ihm in den Weg treten konnte.