»Und weil er mich liebt, darum scheinen Sie nun auch, wie er, zu verlangen, daß ich ihn wieder liebe! Als ob wir Frauen nur dazu da wären, uns hinzugeben, weil es einem der Herren der Schöpfung einfällt, heftiger nach uns zu begehren. Alle Männer denken in diesem Falle gleich, alle fühlen sich in der Person des einen Zurückgewiesenen verletzt.«

»Doch nicht, Elsa; ich nehme nur an, daß solch wildloderndes Feuer nicht ohne Wirkung auf ein Frauenherz bleiben kann; etwas entzünden diese Funken, Haß oder Gegenliebe, und ich zweifle, ob Sie Lüttow hassen.«

»Er hat Ihnen eingeredet, daß ich ihn lieben müsse?«

»Mich kümmern die Worte eines Verstörten nicht, aber so weit meine ich herzenskundig zu sein, um sagen zu dürfen, daß er Ihnen nicht gleichgiltig ist.«

»Nicht gleichgiltig,« wiederholte sie halblaut und ging unruhig im Gemach auf und nieder. »Warum soll ich es läugnen, daß Lüttow im Anfang unserer Bekanntschaft mir liebenswert erschien? Sein Ungestüm, seine Verwegenheit hatten einen romantischen Zug, es lockte mich, an dem Löwen meine Zähmungskunst zu versuchen; es war schmeichelhaft, einen so unbändigen Mann meinen Winken gehorsam zu sehen. Hinter der gesellschaftlichen Schranke fühlte ich mich vor seiner Heftigkeit sicher; ich stand unter dem Schutze eines strengen Vaters und war ihm ebenbürtig. Aber schon damals warnte mich etwas davor, ihm näher zu treten und mich durch ein Versprechen, eine Gunstbezeugung an ihn zu binden. Urteilen Sie selbst, wie dies innere Unbehagen, das mich schon damals in seiner Gegenwart überfiel, sich steigern mußte, als ich ihm wieder begegnete – eine arme kleine Schauspielerin, die er nun beschützen, in die Höhe bringen, für die er Sonnenschein oder Regenwetter machen konnte! Da hat sich mein Herz gewandelt. Schelten Sie es Stolz oder Eitelkeit – das Fräulein Elsbeth Asser, die reiche Tochter eines reichen Vaters, hätte wohl die Frau des Herrn von Lüttow werden und in leidlicher Ehe mit ihm leben können, aber die Schauspielerin Elsa Themar – niemals!«

»Dies ist nur eine Grille von Ihnen, ein übertriebenes Zartgefühl. Nie würde Ihnen Lüttow Ihre Künstlerschaft als einen – wie sag' ich nur – als einen Makel vorhalten, im Gegenteil!«

»Und wollen Sie vergessen, was alles aus dieser ersten notwendigen Entfremdung zwischen uns hervorgegangen ist? Seine zunehmende Wildheit, meine wachsende Furcht vor ihm, der Tod seines Freundes – eine Blutschuld, die mich immer von Neuem schaudern läßt! Sind das Mißverständnisse, die wir mit gutem Willen heben können? Wenn mein Herz zehnmal lauter für ihn spräche – ich würde es doch bezwingen und schweigend mein Leid tragen. Der lärmt mit seinen Schmerzen, dem sie nicht tief gehen. Sagen Sie ihm dies, es ist mein unabänderlicher Entschluß. Ich will endlich einmal frei sein, mir selbst und der Kunst leben, keinem Manne – da ich es Ihnen nicht kann. Sagen Sie ihm das!«

»Sage es ihm selbst, wenn du es wagst!« rief da eine heisere Stimme, und die Thür ward aufgerissen.

Im Mantel auf der Schwelle stand Lüttow. Noch heute ist es mir unerklärlich, wie er in Elsa's Wohnung gekommen; ob ich, als ich hinübergegangen war, Friederikens Brief zu holen, in der Hast die Korridorthür offen habe stehen lassen, ob er die Hilfe der Dienerin Elsa's erkauft und sie ihm heimlich die Thür erschlossen hat.

»Es dauert mir zu lange, ehe ich mein Urteil aus Ihrem Munde höre, Herr Medicinalrat – ich will es mir aus schönerem holen,« sagte er, aber er that keinen Schritt weiter in das Zimmer hinein.