Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte,
An deren Finger sie das Reiflein trug,
So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte,
Als er besorgt um ihre Zukunft frug,
Und das, seit jener Stunde, sie getragen,
Ohn’ daß es Jemand einfiel, drob zu fragen.
Nun lag’s, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bösen,
Die, als sie’s fühlte, voller Bosheit sacht’
Versuchte, ob es abzustreifen wäre
Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht’,
Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen,
Eh’ oben sie zum Licht des Tages kämen.
Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen,
Wie ja dem bösen Vorsatz stets das Thun,
Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet,
Den Unheilsinnenden nicht lässet ruhn,
Bis er, im Banne finsterer Gewalten,
Sieht seinen Willen sich zur That gestalten.
Mit schadenfroher Miene stieg das Fräulein vollends
Den Rest der Treppen aufwärts, Elsbeth nach,
Und trat, so unbefangen als nur möglich,
In deren sonnighelles Schlafgemach.
Ein trautes Stüblein, nett und rein gehalten,
Gab’s Zeugniß für der Herrin emsig walten.
Ein Tischlein, wie das Bett schneeweiß bezogen, prangte,
Aus Eichenholz gefügt, links an der Wand,
Auf deren Sims, geschmückt mit frischem Eppich,
Die Statue der Muttergottes stand,
Von Künstlerhand in Elfenbein geschnitten,
Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten.
Noch etlich Stühle mit gestickten Rückenlaken
Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach,
Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen,
Besetzten diese Wand der Länge nach,
Indeß die andere das Bettlein säumte,
Drin Nachts die Liebliche in Unschuld träumte.
Drauß’, vor des Stübleins Fensterthüre, lag der Söller,
Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand,
Fast einem Vogelneste zu vergleichen,
Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand;
Doch allso hoch, daß schier es schwindlig machte,
Wenn man zum ersten Mal den Fuß drauf brachte. —
Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet,
Betrat das Mädchenpaar des Söllers Raum;
Tief unter sich verschneite, weiße Thäler,
Die Wälder rings ein einz’ger Weihnachtsbaum,
Und fern im Süd’, ein Anblick zum Entzücken,
Der Alpen sonnbeglänzte Silberrücken.
Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte,
Versunken in des schönen Anblicks Pracht,
Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange
Hier oben in der Einsamkeit verbracht,
Um, überwältigt von dem hehren Schauen,
An Gottes Werken still sich zu erbauen.
Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen.
Und, während Elsbeth ihm die Namen nannt’,
Von all den Bergen, Thälern in der Runde,
So weit ihr jene überhaupt bekannt,
Hier Umschau haltend, froher Laune werden,
Beim Anblick dieses schönen Stückleins Erden.