Der junge Pilger antwortete:

"Nur ein paar Nachtstunden sind vergangen. Wohlan, wenn mir der Ehrwürdige seine Aufmerksamkeit schenken will, werde ich erzählen, weshalb ich in die Heimatlosigkeit gegangen bin."

Der Erhabene gab durch freundliches Kopfnicken sein Einverständnis zu erkennen, und der junge Pilger hub zu erzählen an.

[III. NACH DEM UFER DER GANGA]

ch heisse Kamanita mit Namen und bin in Ujjeni geboren, einer weit im Süden gelegenen Stadt, im Lande Avanti, im Gebirge. Dort kam ich in einer begüterten, wenn auch nicht sehr vornehmen Kaufmannsfamilie zur Welt. Mein Vater ließ mir eine gute Erziehung zuteil werden, und als ich die Opferschnur anlegte, war ich schon ziemlich im Besitze der meisten Fertigkeiten, die sich für einen jungen Mann von Stand passen, so daß man allgemein glaubte, ich müßte in Takkasila[1] erzogen worden sein. Im Ringkampf und im Degenfechten war ich einer der ersten; ich hatte eine schöne, wohlgeübte Singstimme und verstand die Vina kunstreich zu schlagen; ich konnte alle Gedichte Bharatas und noch viele andere auswendig hersagen; mit den Geheimnissen der Metrik war ich aufs innigste vertraut, und verstand auch selber gefühlvolle und sinnreiche Verse zu schreiben. Im Zeichnen und Malen übertrafen mich nur Wenige, und meine Art Blumen zu streuen wurde allgemein bewundert. Groß war mein Geschick im Färben der Kristalle und meine Kenntnis von der Herkunft der Juwelen; keine Papageien oder Predigerkrähen sprachen so gut wie diejenigen, die ich abgerichtet hatte. Auch verstand ich von Grund aus das vierundsechzigfeldige Brettspiel, das Stäbchenspiel, das Bogenspiel und das Ballspiel in allen seinen Abarten, sowie allerlei Rätsel- und Blumenspiele. Und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni: "Vielbefähigt wie der junge Kamanita."

[1] Das Oxford des alten Indien (in Pendschab gelegen).

Als ich zwanzig Jahre alt war, ließ mein Vater mich eines Tages rufen und sprach also zu mir:

"Mein Sohn, deine Erziehung ist jetzt vollendet, und es ist Zeit, daß du dich in der Welt umsiehst und dein Kaufmannsleben beginnst, auch habe ich dafür jetzt eine gute Gelegenheit gefunden. In diesen Tagen schickt unser König eine Gesandtschaft an den König Udena in Kosambi, weit von hier, im Norden. Dort habe ich aber einen Gastfreund Panada. Der hat mir längst gesagt, in Kosambi wäre mit Produkten unseres Landes, besonders mit Bergkristallen und Sandelpulver, sowie mit unseren kunstvollen Rohrgeflechten und Weberwaren ein gutes Geschäft zu machen. Ich habe aber immer eine solche Geschäftsreise als ein großes Wagnis gescheut wegen der vielen Gefahren des Weges. Wer nun aber die Hin- und Herreise im Gefolge dieser Gesandtschaft macht, für den ist gar keine Gefahr vorhanden. Wohlan, mein Sohn, wir wollen auf den Lagerplatz gehen und uns die zwölf Ochsenwagen und die Waren ansehen, die ich für deine Fahrt bestimmt habe; du wirst für unsere Produkte Musselin aus Benares und ausgesuchten Reis mit zurückbringen, und das wird, hoffe ich, ein glorreicher Anfang deiner kaufmännischen Laufbahn sein; auch wirst du Gelegenheit haben, fremde Länder mit anderer Natur und anderen Sitten kennen zu lernen und unterwegs mit Hofleuten, Männern vom höchsten Anstande und feinsten Betragen tagtäglich zu verkehren, was ich für einen hohen Gewinn erachte; denn ein Kaufherr muß ein Weltmann sein."