Und der ehrwürdige Angulimala kam nach dem Vortrag in meine Zelle, grüßte mich ehrerbietig und setzte sich neben mein Lager.

"Du siehst hier, Bruder," sagte ich dann, "was niemand sehen sollte: eine liebeskranke Nonne, und an dieser meiner Krankheit bist du selber schuld, denn du hast mich des Gegenstandes meiner Liebe beraubt. Zwar hast du mich dann zu diesem großen Arzte gebracht, der von der ganzen Lebenskrankheit heilt; aber seine starke Heilkunst kann jetzt nicht weiter auf mich einwirken. In seiner großen Weisheit hat er dies wohl erkannt und hat mir ein Mittel gegeben, um den schleichenden Krankheitsstoff zur Ausscheidung durch eine Fieberkrisis zu bringen. So siehst du denn nun das Sehnsuchtsfieber in mir wüten. Und nun will ich dich an ein Versprechen mahnen, das du mir einst gegeben hast, in jener Nacht nämlich, wo du mich zu dem Verbrechen verleiten wolltest, dessen Ausführung nur durch das Dazwischentreten des Erhabenen vereitelt wurde. Damals sagtest du, du würdest nach Ujjeni gehen und mir sichere Kunde von Kamanita bringen, ob er noch am Leben sei, und wie es ihm ergehe. Was mir nun der Räuber einst versprach, das fordere ich jetzt vom Mönche. Denn mein Verlangen zu wissen, ob Kamanita lebt und wie er lebt, ist ein so gebieterisches, daß, bevor es nicht gestillt worden ist, für keinen anderen Gedanken, für kein anderes Gefühl in meiner Seele Raum ist, und es mir somit unmöglich ist, auch nur den kleinsten Schritt weiter auf diesem unserem Heilswege zu tun. Deshalb mußt du dies für mich tun und mein Gemüt durch irgend eine Gewißheit beruhigen."

Nachdem ich also gesprochen hatte, erhob sich Angulimala und sagte:

"Wie du es eben, Schwester Vasitthi, von mir verlangst," verbeugte sich tief und schritt zur Tür hinaus.

Er ging aber geradeswegs nach seiner Zelle, um seine Almosenschale zu holen und verließ noch in derselben Stunde den Sinsapawald. Man glaubte allgemein, er sei dem Erhabenen nachgepilgert. Nur ich kannte das Ziel seiner Wanderung.

Nach diesem Schritt fühlte ich mich in der Tat etwas beruhigt, obwohl ich bald zu zweifeln anfing, ob ich ihm nicht einen Gruß oder eine Botschaft an den Geliebten hätte mitgeben sollen. Aber es kam mir unpassend und unheilig vor, einen Mönch auf solche Weise als Liebesvermittler zu gebrauchen, während er doch ganz gut nach einer entfernten Stadt gehen und berichten konnte, was er dort gesehen. Auch würde es etwas ganz anderes sein--meinte ich mit geheimer Hoffnung--wenn er, ohne einen Auftrag zu haben und nur seinem eigenen Urteil folgend, sich entschließen sollte, mit dem Geliebten von mir zu sprechen.

"Ich selber werde nach Ujjeni gehen und ihn heil und sicher herbringen"--diese Worte hallten immer in meinem Innersten wider. Würde der Mönch vielleicht das Versprechen des Räubers einlösen? Warum denn nicht, wenn er selber einsah, daß es für uns beide notwendig war, einander zu sehen und zu sprechen?

Und damit kam ein neuer Gedanke, der, von einem, ungeahnten Hoffnungsschimmer umstrahlt, mich zunächst blendete und verwirrte. Wenn mein Geliebter zurückkäme--was hinderte mich dann, aus dem Orden auszutreten und seine Frau zu werden?

Als diese Frage auftauchte, bedeckte eine brennende Röte mein Gesicht, das ich unwillkürlich in meinen Händen verbarg aus Furcht, jemand könne mich gerade beobachten. Welcher häßlichen Mißdeutung würde nicht eine solche Handlung ausgesetzt sein! Sähe das nicht aus, als ob ich den Orden des Buddha lediglich als eine Brücke betrachtet hätte, um aus einer unlieben Heirat in eine liebe hinüberzuwandeln? Gewiß würde das von Vielen so ausgelegt werden. Aber was könnte mir schließlich am Urteil Anderer liegen? Und wieviel besser wäre es nicht, eine fromme Laienschwester zu sein, die treu zum Orden hielt, als eine Ordensschwester, deren Herz außerhalb des Ordens weilte.

Ja, wenn auch Angulimala mir nur die Mitteilung brächte, daß mein Kamanita noch lebe, und ich der Schilderung ihrer Begegnung entnähme, daß der Geliebte mir noch immer in treuer Sehnsucht ergeben sei: dann würde ich ja auch selber nach Ujjeni pilgern können. Und ich malte mir aus, wie ich eines Morgens als wandernde Asketin am Eingange deines Hauses stehen würde, wie du mir dann eigenhändig die Almosenschale füllen und mich dabei erkennen würdest--und dann die ganze unbeschreibliche Freude, uns wiedergefunden zu haben.