Die überraschende Kunde, daß mein Geliebter damals nicht getötet worden war und aller Wahrscheinlichkeit nach noch mit mir diese Erdenluft atmete, war jetzt freilich mehr als ein halbes Jahr alt. Als aber durch die Erscheinung auf der Terrasse jenes Wissen so plötzlich in mir auftauchte, wurde es sofort wieder durch die stürmischen Gemütswellen, die es selber aufregte, gleichsam überschwemmt und tauchte fast wieder in ihren Strudel unter. Haßgefühl, Rachegedanken, Brüten über Verbrecherpläne wechselten in einem wahren Dämonenreigen--dann kam Angulimalas Bekehrung, der überwältigende Eindruck des Buddha, das neue Leben, der Tagesanbruch einer neuen, gänzlich ungeahnten Welt, deren Elemente in der Vernichtung aller Elemente der alten bestanden. Nun aber war der erste Sturm des Neuen vorüber, der große Meister dieses heiligen Zaubers war aus meinem Gesichtskreis entschwunden, und ich saß einsam da, meinen Blick auf die Liebe--auf meine Liebe gerichtet. Da tauchte jene Kunde nun wieder klar hervor und eine grenzenlose Sehnsucht nach dem fernen, noch lebenden Geliebten erfaßte mich.

Aber lebte er denn auch noch?--Und liebte er mich denn noch?

Solche Fragen regten durch ihre bange Ungewißheit meine Sehnsucht nur noch mehr auf, und mit der Überwindung meiner Liebe, mit der Aneignung des Spruches wollte es nicht vorwärtsgehen. Immer dachte ich über die Liebe nach und kam nicht zum Leid und zur Leidensentstehung.

Diese meine immer aussichtsloseren Seelenkämpfe blieben den anderen Schwestern nicht verborgen. Ich hörte wohl, wie sie von mir sprachen:

"Vasitthi, die frühere Ministersgattin, die doch selbst der strenge Sariputta wegen ihrer schnellen und sicheren Auffassung auch schwieriger Punkte der Lehre uns des öfteren gepriesen hat, sie kann jetzt mit ihrem doch so leichten Spruch nicht fertig werden."

Dadurch wurde ich noch mehr entmutigt. Scham und Verzweiflung bemächtigten sich meiner und zuletzt glaubte ich, diesen Zustand nicht mehr ertragen zu können.

[XLII. DIE KRANKE NONNE]

m diese Zeit kam wöchentlich einmal einer der Brüder zu uns herüber und legte uns die Lehre dar. Als nun Angulimala an der Reihe war, ging ich nicht in die Versammlungshalle, sondern blieb in meiner Zelle auf der Ruhebank liegen und bat eine Nachbarschwester, Angulimala zu sagen:

"Die Schwester Vasitthi, Ehrwürdiger, liegt in ihrer Zelle krank darnieder und kann in der Versammlung nicht erscheinen. Wolle, Ehrwürdiger, nach dem Vortrag dich nach der Zelle Schwester Vasitthis begeben, um auch ihr, der Kranken, die Lehre darzulegen."