"Der Weg ist weit, Vasitthi! Weiter ist der Weg als du dir denkst, weiter, als Menschengedanken es auszudenken vermögen."

"Und führte der Weg auch durch tausend Leben, über tausend Welten: kein Weg wird mich mühen."

"Schon gut, Vasitthi! Gehab dich wohl, und gedenke deines Spruchs."

In diesem Augenblick nahte der König mit großem Gefolge, um vom Erhabenen Abschied zu nehmen.

Ich zog mich in die hinterste Reihe zurück, von wo aus ich ein ziemlich zerstreuter Zeuge der weiteren Vorgänge dieses letzten Abends war. Denn ich kann nicht leugnen, daß ich mich durch den so sehr leichten Spruch, den mir der Erhabene gegeben hatte, etwas enttäuscht fühlte. Hatten doch mehrere der Schwestern ganz andere schwierige Sprüche zur geistigen Verarbeitung vom Erhabenen zugeteilt bekommen: die eine den Spruch vom Entstehen aus Ursachen, die andere den vom Nichtselbst, eine dritte den von der Vergänglichkeit der Erscheinungen. So meinte ich denn, eine Zurücksetzung erfahren zu haben, was mich sehr betrübte. Wie ich aber weiter darüber nachdachte, kam mir die Vermutung, daß der Erhabene vielleicht bei mir etwas Selbstüberhebung bemerkt habe und sie auf diese Weise dämpfen wolle. Und ich nahm mir vor, auf der Hut zu sein, um nicht durch Eitelkeit und Selbstgefälligkeit in meinem geistigen Wachstum gehindert zu werden. Bald würde ich mich ja rühmen können, mit dem Spruche zu Ende zu sein, und durfte mir dann einen neuen von den Lippen des Erhabenen selber holen.

In dieser Zuversicht sah ich früh am nächsten Morgen den Buddha mit vielen Jüngern von dannen wandern--unter diesen selbstverständlich auch Ananda, der ja des Meisters wartete und immer um ihn war, und der mir stets auf seine milde Art so besonders wohlwollend begegnet war, daß ich fühlte, ich würde auch ihn und seinen aufmunternden Blick sehr vermissen, noch mehr als den weisen Sariputta, der durch seine scharf zergliedernden Auseinandersetzungen mir in manchem schwierigen Punkt geholfen hatte. Nun war ich meinen eigenen Kräften überlassen.

Sobald ich von meinem Almosengange zurückgekehrt war und mein Mahl verzehrt hatte, suchte ich mir einen schönen Baum aus, der in der Mitte einer kleinen Waldwiese stand--das wahre Urbild jener "mächtigen, lärmentrückten Bäume", von denen es heißt, daß Menschen darunter sitzen und denken können.

Das tat ich nun, indem ich meinen Spruch ernstlich vornahm. Als ich gegen Abend nach der Versammlungshalle zurückkehrte, brachte ich, als Ausbeute meiner Tagesarbeit, eine innere Unruhe mit mir und eine leise Ahnung, was für eine Bewandtnis es mit diesem Spruche haben mochte. Als ich aber am folgenden Abend nach beendigter Gedenkenruhe zurückkehrte, wußte ich schon genau, was der Erhabene gemeint hatte, als er mir diesen Spruch gab.

Ich hatte ja geglaubt, auf dem graden Wege zum vollkommenen Frieden mich zu befinden und meine Liebe mit ihren leidenschaftlichen Erregungen weit hinter mir zu haben. Aber jener unvergleichliche Herzenskenner hatte gar wohl gesehen, daß die Liebe keineswegs von mir überwunden war, sondern daß sie nur durch den mächtigen Einfluß des neuen Lebens verscheucht, sich In einen Innersten Winkel zurückgezogen hatte, um dort ihre Zeit zu erwarten. So wollte er denn, daß ich dadurch, daß ich meine Aufmerksamkeit auf sie richtete, sie aus diesem Schlupfloche hervorlocken solle, um sie dann zu überwinden.

Und freilich kam sie auch hervor, aber mit solcher Macht, daß ich mich sofort mitten in schweren, ja zerrüttenden Seelenkämpfen befand und einsah, daß mir kein leichter Sieg beschieden sei.