Auch mir wurden nun bald die Fesseln abgenommen, da man wohl wußte, daß ich nicht töricht genug sein würde, einen Fluchtversuch zu machen. Das erste, wozu ich meine Freiheit benutzte, war, daß ich nach der Stelle hinstürzte, wo ich die Asokablume hatte verschwinden sehen. Aber ach, nicht einmal mehr ein farbloses Restchen konnte ich von ihr entdecken! Diese zarte Blumenflamme schien unter den rohen Räuberfüßen gänzlich zu Asche zerstampft. War sie ein Wahrzeichen unseres Liebesglücks?
Ziemlich frei lebte und bewegte ich mich jetzt unter diesen gefährlichen Gesellen, in der Erwartung des Lösegeldes, das binnen zwei Monaten kommen mußte.
Da wir uns in der dunklen Hälfte des Monats befanden, gingen die Diebstähle und Räubereien lebhaft vonstatten. Denn diese Zeit, die der furchtbaren Göttin Kali gehört, wird fast ausschließlich zu den regelmäßigen Geschäften benutzt, so daß keine Nacht ohne irgend einen Überfall oder Einbruch verging. Mehrmals wurden auch ganze Dörfer geplündert. In der fünfzehnten Nacht des abnehmenden Mondes aber wurde Kalis Fest mit grauser Feierlichkeit begangen. Nicht nur Stiere und zahllose schwarze Ziegen, sondern auch einige unglückliche Gefangene wurden vor ihrem Bild geschlachtet; man stellte das Opfer vor den Altar und öffnete ihm eine Schlagader, so daß das Blut gerade in den aufgerissenen Mund der scheußlichen, mit Menschenschädeln behangenen Gestalt spritzte. Danach folgte eine wilde Orgie, wobei die Räuber sich im Rauschtrank bis zur Besinnungslosigkeit besoffen und sich mit den Bajaderen ergötzten, die man zu diesem Zwecke mit beispielloser Dreistigkeit aus einem großen Tempel entführt hatte. Angulimala, der in seiner Weinlaune großmütig wurde, wollte auch mich mit einer schönen, jungen Bajadere beglücken. Da ich aber in Erinnerung an Vasitthi das Mädchen verschmähte, so daß es ob dieser Schmach in Tränen ausbrach, geriet er darüber in eine solche Wut, daß er mich ergriff und auf der Stelle erdrosselt hätte, wäre mir nicht jener kahle, glattrasierte Räuber zu Hilfe gekommen. Wenige Worte von ihm genügten, um den eisernen Griff des Häuptlings erschlaffen zu lassen und ihn dann, brummend wie eine notdürftig bezähmte Bestie, fortzuschicken.
Dieser merkwürdige Mann, der jetzt zum zweitenmal mein Retter wurde--mit Händen, die von dem von ihm geleiteten schrecklichen Kaliopfer noch blutig waren--war der Sohn eines Brahmanen. Weil er aber unter einer Räuberkonstellation geboren war, wandte er sich dem Räuberhandwerke zu. Zuerst hatte er den "Würgern" angehört, trat aber auf Grund wissenschaftlicher Erwägungen zu den "Absendern" über. Vom väterlichen Hause her hatte er nämlich einen Hang zu religiösen Betrachtungen und nicht weniger zu gelehrten Erörterungen ererbt. So leitete er einerseits den Opferdienst als Priester--und man schrieb das seltene Glück dieser Bande fast ebensosehr seiner Priesterwissenschaft wie der Führertüchtigkeit Angulimalas zu--andererseits trug er auch die Wissenschaft des Räuberwesens in systematischer Form vor, und zwar sowohl die Technik wie die Moral; denn ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die Räuber eine solche hatten, und sich keineswegs für schlechtere Menschen als andere hielten.
Diese Vorträge fanden besonders nachts in der lichten Hälfte des Monates statt, in der--abgesehen von zufälligen Vorkommnissen--die Geschäfte ruhten. Auf einer Waldwiese hockten die Zuhörer in mehreren halbkreisförmigen Reihen um den ehrwürdigen Vajaçravas, der mit untergeschlagenen Beinen dasaß. Sein mächtiger haarloser Schädel erglänzte im Mondlicht, und seine ganze Erscheinung war der eines vedischen Lehrers nicht unähnlich, der in der Stille der Mondnacht den Insassen der Waldeinsiedelei die Geheimlehre mitteilt--aber manches unheilig wilde Gesicht, ja manche Galgenphysiognomie war rings in der Runde zu schauen. Mir ist es in der Tat, als ob ich sie in diesem Augenblick sähe--als ob ich das tiefe auf und ab schwellende Brausen des ungeheuren Waldes hörte, manchmal durch das ferne Gebrüll eines Tigers oder das heisere Bellen des Panthers unterbrochen--und dazu, ruhig fließend wie ein Strom, die Stimme Vajaçravas'--diesen tiefen, volltönenden Baß, eine köstliche Erbschaft ungezählter Generationen von Udgatars[1].
[1] Vedischer Opfersänger.
Zu diesen Vorträgen hatte ich Zutritt, weil Vajaçravas eine Vorliebe für mich gefaßt hatte. Er behauptete sogar, ich sei unter einem Räuberstern geboren wie er, und ich würde mich einmal den Dienern Kalis zugesellen, weshalb es mir nützlich sei, seiner Rede zu lauschen, die unzweifelhaft den in mir noch schlummernden Trieb wachrufen würde. Ich habe da also sehr merkwürdige Vorlesungen von ihm gehört über die verschiedenen "Sekten Kalis"--gewöhnlich Diebe und Räuber genannt--und über ihre unterschiedlichsten Gebräuche. Ebenso lehrreich wie unterhaltend waren seine Exkurse über Themata wie: "Die Nützlichkeit der Dirnen zum Hineinlegen der Polizei", oder "Kennzeichen der für Bestechung zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges, nebst kurzer Anweisung über die in Frage kommenden Geldbeträge". Von scharfsinnigster Menschenbeobachtung und strengster Schlußfolgerung zeugte seine Behandlung der Frage "Wie und warum die Spitzbuben sich auf den ersten Blick gegenseitig erkennen, während die ehrlichen Leute es nicht tun, und welche Vorteile aus diesem Umstande ersteren erwachsen", nicht zu reden von den glänzenden Ausführungen: "Über die Stupidität der Nachtwächter im allgemeinen, eine anregende Betrachtung für Anfänger"--bei welchen der nächtliche Wald von einem Lachchor widerhallte, so daß man von allen Seiten des Lagers zusammenströmte, um zu hören, was los sei.
Aber auch trockene technische Fragen wußte der Meister interessant zu behandeln, und ich erinnere mich wirklich fesselnder Schilderungen, wie man geräuschlos eine Bresche in der Wand macht oder einen unterirdischen Gang kunstgerecht anlegt. Die richtige Verfertigung der verschiedenen Arten von Brecheisen, besonders des sogenannten "Schlangenmaules", sowie des "krebsförmigen" Hakens wurde sehr anschaulich dargelegt; der Gebrauch des leisen Saitenspieles, um zu erkunden, ob jemand wacht, und des aus Holz gemachten Männerkopfes, den man zur Tür oder zum Fenster hereinsteckt, um zu sehen, ob dieser vermeintliche Einbrecher bemerkt wird--alles dies wurde gründlich besprochen. Seine Erörterungen, wie man bei Ausführung eines Diebstahls unbedingt jeden umbringen müsse, der später als Zeuge würde auftreten können, sowie die allgemeinen Betrachtungen, wie ein Dieb nicht mit einem moralischen Wandel behaftet sein dürfe, sondern rauh, hart und gewalttätig, gelegentlich dem Rauschtrank und den Dirnen ergeben sein müsse, zählen zu den gelehrtesten und geistreichsten Vorträgen, die ich je gehört habe.
Um dir aber eine richtige Vorstellung von diesem wahrhaft profunden Geiste zu geben, muß ich dir die berühmteste Stelle aus seinem in fast kanonischem Ansehen stehenden Kommentar zu den uralten Kali-Sutras, der Geheimlehre der Diebe, hersagen.[1]