Nun zeigte es sich aber, daß schlechte Gewohnheiten, ja selbst Laster manchmal dem Menschen einen Glücksfall bringen, so daß der weltlich Gesinnte nicht leicht entscheiden kann, ob er am meisten seinen guten oder seinen schlechten Eigenschaften sein Gedeihen zu verdanken hat.

Jene Vertrautheit mit den niedrigeren Dirnen kam mir nämlich sehr zustatten. Im Hause meines Vaters wurde ein Einbruch verübt, und Juwelen, die ihm zum großen Teil zur Schätzung anvertraut waren, gestohlen, und zwar in einem Betrage, der kaum mehr zu ersetzen war. Ich war außer mir, denn völliger Ruin drohte uns. Vergebens bot ich alle die Kenntnisse auf, die ich im Walde mir erworben hatte. Nach der Weise, wie der unterirdische Gang angelegt war, konnte ich wohl sagen, was für einer Art von Dieben die Täterschaft zuzuschreiben sei. Aber selbst dieser so nützliche Wink war zwecklos für die Polizei--die allerdings in Ujjeni nicht auf ähnlicher Höhe steht wie die Hetärenwirtschaft, was vielleicht nicht ganz ohne inneren Zusammenhang sein mag. Habe ich doch in einem sehr gelehrten Vortrag über das Liebesleben der verschiedenen Stände folgenden Satz gehört: "Die Liebesabenteuer des Polizeimeisters haben während der nächtlichen Inspizierung stattzufinden und zwar mit den Stadtdirnen;"--was in Verbindung mit jener Vorlesung Vajaçravas' "Über die Nützlichkeit der Dirnen zum Hineinlegen der Polizei" in jener Zeit des ängstlichen Wartens mir manches zu denken gab.

Nun scheint es ja aber in dieser unserer sonderbaren Welt so eingerichtet zu sein, daß die linke Seite für das aufkommen muß, was die rechte versäumt. Und so geschah es denn auch hier, daß jene üppige Blüte Ujjenis mir die Frucht trug, welche der, vielleicht wegen dieser Üppigkeit etwas kümmerlich geratene Dornenhag des Polizeiwesens zu zeitigen nicht vermochte. Denn die guten Mädchen, als sie mich wegen der mir und den Meinigen drohenden Not untröstlich sahen, ermittelten die Täter und zwangen sie, durch Androhung völliger Entziehung ihrer Gunst, die Beute wieder herauszugeben, so daß wir glimpflich davon kamen, mit Verlust des Wenigen, das schon verpraßt gewesen, und mit einem Schrecken, der für mich nicht ohne gute Wirkung blieb.

Durch ihn wurde ich nämlich aus meinem Zeit und Jugendkraft unnütz vergeudenden Wüstlingsleben aufgerüttelt. Dieses war ohnehin zu einem Punkt gelangt, wo es mich entweder unter dem Joch der Gewohnheit völlig knechten und versumpfen lassen, oder aber mich anzuwidern anfangen mußte. Die letztere Wirkung wurde nun eben durch jenes Erlebnis gefördert. Ich hatte die Armut mir ins Gesicht starren sehen--die Armut, der mich jenes Leben wehrlos überliefert hätte, um mich dann treulos mit allen seinen kostspieligen Freuden zu verlassen. Nun besann ich mich auf jenes Wort des Kaufmannes am Grabe Vajaçravas: "Wenn ich so hoch in Gunst bei Vajaçravas stände wie du, dann würde ich in wenigen Jahren der reichste Mann in Kosambi sein." Und ich beschloß, der reichste Mann in Ujjeni zu werden, und zu diesem Zwecke mich mit aller Kraft auf den Karawanenhandel zu verlegen.

Ob nun mein im Jenseits weilender Freund und Meister, Vajaçravas, mir bei meinen Unternehmungen in eigener Person beistand, wage ich nicht zu entscheiden, wiewohl ich es manchmal glaubte; sicher aber ist, daß seine Worte es jetzt nachträglich taten. Denn daß ich durch seine Belehrung mit allen Gewohnheiten und Gebräuchen der verschiedenen Räuberarten vertraut, ja selbst in ihre geheimen Regeln eingeweiht war, das setzte mich jetzt in den Stand, ohne törichte Waghalsigkeit Unternehmungen durchzuführen, die ein anderer nimmermehr hätte wagen dürfen. Gerade solche aber suchte ich mir jetzt aus und gab mich mit gewöhnlichen Reisen gar nicht mehr ab.

Wenn ich nun eine große Karawane nach einer Stadt führte, zu der monatelang keine andere hatte vordringen können, weil gerade zu der Zeit starke Räuberbanden die Gegend gleichsam abgesperrt hatten, so fand ich die Einwohner dermaßen auf meine Waren erpicht, daß ich diese manchmal mit dem zehnfachen Gewinn absetzen konnte. Aber damit nicht genug: einen unschätzbaren Vorteil zog ich aus jener Belehrung "über die Kennzeichen der für Bestechung zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges nebst Anweisung über die dabei in Frage kommenden Geldbeträge"; und was ich im Verlauf weniger Jahre durch geschickte Benutzung dieser Winke gewonnen habe, kommt für sich allein einem mäßigen Vermögen gleich.--

So vergingen denn einige Jahre in gesundem Wechsel zwischen allerlei Lebensgenüssen meiner freudigen Vaterstadt und gefahrreichen Geschäftsreisen, die übrigens bei allem Ernst auch nicht die Lust ausschlossen; denn ich stieg in den fremden Städten immer bei einer Hetäre ab, an die ich gewöhnlich von einer gemeinsamen Ujjenier Freundin empfohlen war, und die meine Kaufmannsgeschäfte oft gar schlau für mich einfädelte.

Eines Tages trat nun mein Vater vormittags in mein Zimmer, als ich gerade damit beschäftigt war, auf meine Lippen Lackfarbe aufzutragen, während ich gleichzeitig meinem Diener Anweisungen gab, der im Hofe vor meinem Fenster mein Lieblingspferd sattelte. Das mußte diesmal mit besonderer Sorgfalt geschehen, und es sollten durch eine eigenartige Vorrichtung Kissen angeschnallt werden, denn ich mußte unterwegs eine Gazellenäugige vor mir im Sattel halten. Ich hatte nämlich mit mehreren Freunden und Freundinnen einen Besuch in einem öffentlichen Garten verabredet.

Ich wollte sofort meinem Vater Erfrischungen bringen lassen; er lehnte es aber ab, und als ich ihm aus meiner goldenen Dose wohlriechende Mundkügelchen anbot, schlug er auch diese aus und nahm nur etwas Betel. Ich schloß daraus sofort, nicht ohne einige Beklemmung, daß er wohl etwas Ernstes vorhaben mochte.

"Ich sehe, daß du dich zu einem Vergnügungsausflug bereit machst, mein Sohn," sagte er, nachdem er auf dem ihm von mir gebotenen Sitze Platz genommen hatte; "auch kann ich dies keineswegs tadeln, da du erst kürzlich von einer anstrengenden Geschäftsreise zurückgekehrt bist. Wo willst du heute hin, mein Sohn?"