"So hast du also, o Pilger, einen Meister, zu dessen Lehre du dich bekennst, in dessen Namen du ausgezogen bist?"
"Zwar bin ich nicht, Ehrwürdiger, in irgend jemandes Namen ausgezogen, vielmehr dachte ich damals allein das Ziel zu erringen. Und wenn ich tagsüber in der Nähe eines Dorfes, am Fuße eines Baumes oder im tiefen Walde rastete, dann lag ich inbrünstig dem tiefsten Denken ob. Und ich hing, o Ehrwürdiger, Gedanken wie den folgenden nach: 'Was ist die Seele? Was ist die Welt? Ist die Welt ewig? Ist die Seele ewig? Ist die Welt zeitlich? Ist die Seele zeitlich? Ist die Welt ewig und die Seele zeitlich? Ist die Seele ewig und die Welt zeitlich?' Oder: 'Warum hat der höchste Brahma diese Welt aus sich hervorgehen lassen? Und wenn der höchste Brahma vollkommen und reine Wonne ist, wie kommt es dann, daß die von ihm erschaffene Welt unvollkommen und mit Leiden behaftet ist?'
Und indem ich, Ehrwürdiger, solchen Gedanken nachhing, kam ich zu keiner befriedigenden Lösung. Es erhoben sich vielmehr immer neue Zweifel, und dem Ziel, um dessen willen edle Söhne für immer das Haus verlassen und in die Heimatlosigkeit gehen, schien ich mich um keinen Schritt genähert zu haben."
"Ebenso, o Pilger, wie wenn Einer dem Horizonte nachliefe: 'O, daß ich doch heute oder morgen den Horizont erreichen könnte!'--ebenso entflieht das Ziel demjenigen, der solchen Fragen nachgeht"
Kamanita nickte nachdenklich und fuhr dann fort:
"Da geschah es eines Tages, als die Schatten der Bäume schon länger zu werden begannen, daß ich in der Lichtung eines Waldes auf eine Klause stieß. Und ich sah da junge, weiß gekleidete Männer, von denen einige die Kühe molken, während andere Holz spalteten und wieder andere die Eimer an der Quelle spülten. Auf einer Matte vor der Halle saß ein alter Brahmane, bei dem diese jungen Leute offenbar die Lieder und Sprüche lernten. Er begrüßte mich freundlich, und obwohl es, wie er sagte, nur eine knappe Stunde bis zum nächsten Dorfe sei, bat er mich, ihr Mahl zu teilen und bei ihnen zu übernachten. Das tat ich denn auch dankbar genug, und bevor ich mich zum Schlafen hinlegte, hatte ich manche gute und beherzigenswerte Rede gehört. Als ich nun am folgenden Tage weitergehen wollte, fragte mich der Brahmane: 'Wer ist dein Meister, o Pilger, und in wessen Namen bist du ausgezogen?' Und ich antwortete, wie ich dir geantwortet habe.
Da sagte denn der Brahmane: 'Wie wirst du, o Pilger, jenes hohe Ziel erreichen, wenn du allein wanderst wie das Nashorn, anstatt wie der weise Elefant in einer Herde, von einem erfahrenen Führer geleitet?'
Dabei blickte er beim Worte 'Herde' wohlwollend auf die umherstehenden jungen Leute, beim Worte 'Führer' schien er selbstgefällig in sich hineinzulächeln.
['Denn,'] fuhr er dann fort, 'gar zu hoch ist ja dies für eigenes, tiefes Denken, und ohne einen Lehrer gibt es hier gar keinen Zugang. Andererseits aber sagt auch der Veda in der Belehrung Çvetaketus: "Gleichwie, o Teurer, ein Mann, den sie aus dem Lande der Gandharer mit verbundenen Augen hergeführt und dann in die Einöde losgelassen haben, nach Osten oder nach Norden, oder nach Süden verschlagen wird, weil er mit verbundenen Augen hergeführt und mit verbundenen Augen losgelassen worden war; aber nachdem ihm jemand die Binde abgenommen und zu ihm gesprochen: 'Dort hinaus wohnen die Gandharer, dort hinaus gehe,' von Dorf zu Dorf sich weiterfragend, belehrt und verständig zu den Gandharern heimgelangt: also auch ist ein Mann, der hienieden einen Lehrer gefunden hat, sich bewußt: diesem Welttreiben werde ich nur so lange angehören, bis ich erlöst sein werde, und dann werde ich heimgehen.'"
Nun merkte ich wohl, daß dieser Brahmane darauf ausging, mich zum Schüler zu gewinnen. Aber eben diese Begehrlichkeit erweckte bei mir kein Zutrauen. Gar wohl aber gefiel mir jenes Vedawort, das ich im Weitergehen mir immer wiederholte, um es zu behalten. Dabei fiel mir ein Spruch ein, den ich einmal über einen Meister gehört hatte: 'Den Vollendeten verlangt es nicht nach Jüngern, aber die Jünger verlangt es nach dem Vollendeten.' Wie muß der, dachte ich mir, ein ganz anderer Mann sein als dieser Waldbrahmane! Und es verlangte mich, Ehrwürdiger, nach jenem nicht verlangenden Meister."