'Gesetzt, es sei ein Jungling, ein wackerer Jüngling, ein lernbegieriger, der schnellste, kräftigste, stärkste, und ihm gehörte die ganze Erde mit all ihrem Reichtum: so ist das eine menschliche Wonne. Aber hundert menschliche Wonnen sind eine Wonne der himmlischen Genien. Und hundert Wonnen der himmlischen Genien sind eine Wonne der Götter. Und hundert Wonnen der Götter sind eine Wonne des Indra. Und hundert Wonnen des Indra sind eine Wonne des Prajapati, und hundert Wonnen des Prajapati sind eine Wonne des Brahman. Dies ist die höchste Wonne, dies ist der Weg zur höchsten Wonne!'"
"Gleichwie, o Pilger, wenn da ein unerfahrenes Kind wäre, der vernünftigen Erwägung unfähig. Dieses Kind empfände in einem Zahne brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz; und es liefe zu einem kundigen, bewährten Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß ich in diesem Zahn anstatt des Schmerzes ein wonniges Hochgefühl empfinde.' Und der Arzt antwortete: 'Liebes Kind, meine Kunst befaßt sich nur damit, den Schmerz zu beseitigen.'--Aber das unvernünftige Kind finge an zu klagen: 'Habe ich doch, ach! in diesem Zahne nun so lange brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz empfunden; wie billig ist es da, daß ich jetzt statt dessen ein wonniges Gefühl, süße Lust darin genösse. Auch gibt es ja, habe ich gehört, kundige, bewährte Ärzte, deren Kunst so weit reicht, und ich glaubte, daß du ein solcher wärest!' Und dies unvernünftige Kind liefe nun zu einem Heilzauberer, einem Wunderarzt aus dem Lande der Gandarer, einem Marktschreier, der durch einen öffentlichen Ausrufer zum Schall von Trommeln und Muschelhörnern auf den Straßen verkünden ließe: 'Gesundheit ist das höchste Gut, Gesundheit ist des Menschen Ziel. Blühende, üppige Gesundheit, wohliges, wonniges Hochgefühl in allen Gliedern, in allen Adern und Fasern des Körpers, wie es die seligen Götter genießen, kann auch der Kränkste um eine geringe Opfergabe durch meine Hilfe erlangen.' Zu diesem Wunderarzt liefe das Kind und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß ich in diesem Zahn anstatt des Schmerzes ein wohliges, wonniges Hochgefühl genieße.' Und der Zauberer antwortete: 'Liebes Kind, gerade darin besteht meine Kunst.' Und nachdem er das ihm vom Kinde dargereichte Geld eingestrichen, berührte er den Zahn mit seinem Finger und brächte eine magische Wirkung hervor, wodurch ein wonniges Lustgefühl sofort den Schmerz verdrängte. Und das unvernünftige Kind liefe erfreut und hochbeglückt nach Hause.--Nach einer kurzen Weile aber ließe das Lustgefühl nach, und der Schmerz stellte sich wieder ein. Und warum? Weil ja die Ursache des Übels nicht beseitigt war.
Aber, o Pilger, ein verständiger Mann empfände in einem Zahn brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz. Und er ginge zu dem kundigen, bewährten Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst mich von diesem Schmerz befreien.' Und der Arzt antwortete: 'Wenn du, mein Lieber, nichts weiter von mir verlangst, so viel vertraue ich meiner Kunst.' 'Was könnte ich wohl weiter verlangen?' fragte der verständige Mann. Und der Arzt untersuchte den Zahn und fände die Ursache des Schmerzes in einer Entzündung an der Zahnwurzel. 'Geh nach Hause, mein Lieber, und lasse dir an dieser Stelle einen Blutegel setzen. Wenn er sich vollgesogen hat und abfällt, dann lege diese Kräuter auf die Wunde. Dann wird der Eiter und das ungesunde Blut entfernt sein, und der Schmerz wird aufhören.' Und der verständige Mann ginge nach Hause und täte, wie der Arzt ihm gesagt. Und der Schmerz verginge und kehrte nicht wieder. Und warum nicht? Weil ja die Ursache des Übels beseitigt war."
Als nun der Erhabene nach Beendigung dieses Gleichnisses schwieg, saß der Pilger Kamanita verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten Hauptes, das Antlitz von brennender Röte übergossen, wortlos da, und der Angstschweiß tröpfelte ihm von der Stirn herab und rieselte ihm aus den Achselhöhlen herunter. Fühlte er sich doch von diesem Ehrwürdigen mit einem unvernünftigen Kinde verglichen und ihm gleichgestellt. Und da er trotz aller Anstrengung keine Antwort zu finden vermochte, war er dem Weinen nahe.
Endlich, als er seine Stimme beherrschen konnte, fragte er kleinlaut:
"Hast du, Ehrwürdiger, dies alles aus dem Munde des Erhabenen, des vollendeten Buddha selber?"
Selten geschieht es, daß Vollendete lächeln. Bei dieser Frage jedoch umspielte ein Lächeln die Lippen des Erhabenen.
"Das freilich nicht, Bruder."
Als der Pilger Kamanita dies vernahm, richtete er freudig seinen Körper empor, blickte leuchtenden Auges auf und sprach mit frisch belebter Stimme:
"Dachte ich's doch! O, ich wußte ja, daß dies nicht die ureigene Lehre des Vollendeten sein könne, sondern nur deine eigene mißverständlich ergrübelte Auslegung derselben. Heißt es ja doch, daß die Lehre des Buddha im Anfange beseligend, in der Mitte beseligend und am Ende beseligend sei. Wie aber könnte jemand das von einer Lehre sagen, die mir nicht ein ewiges, seliges Leben in höchster Wonne verheißt? Nun, in wenigen Wochen werde ich ja zu Füßen des Vollendeten sitzen und von seinen eigenen Lippen die Heilslehre empfangen, wie ein Kind aus der Mutterbrust seine süße Nahrung saugt. Und auch du wirst da sein und richtig belehrt von deiner irrigen, verderblichen Auffassung zurückkommen. Aber sieh, jene Streifen des Mondlichtes haben sich fast bis zur Schwelle der Halle zurückgezogen; wir müssen tief in der Nacht sein. Wohlan, wir wollen uns jetzt schlafen legen."