"Ich sehe, hohe Frau! daß deine edle Seele nach Rache dürstet, und die soll dir auch bald werden. Deshalb bin ich ja hierher gekommen. Schon viele Wochen habe ich hier vor Kosambi auf Satagira gelauert. Endlich habe ich jetzt aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß er in diesen Tagen die Stadt verlassen wird, um sich nach den östlichen Gauen zu begeben, wo ein zwischen zwei Dörfern schwebender Rechtsstreit zu schlichten ist. Ehe ich davon wußte, war mein ursprünglicher Plan, ihn zu zwingen, einen Ausfall gegen mich zu machen, um mich wieder gefangen zu nehmen; diese seine Reise macht es mir aber noch bequemer. Freilich habe ich infolge meiner ersten Absicht kein Geheimnis aus meiner Anwesenheit gemacht, sondern meine Taten für mich sprechen lassen, und das Gerücht von meinem Wiedererscheinen ist längst verbreitet. Obwohl die meisten glauben, daß irgend ein Betrüger erstanden ist und sich für Angulimala ausgibt, so hat doch die Furcht schon so sehr um sich gegriffen, daß nur größere und gut bewaffnete Züge sich in die bewaldete östliche Gegend, wo ich hause, hinauswagen. Du scheinst freilich davon nichts gehört zu haben, weil du eben als eine um ihr Lebensglück betrogene Frau allein mit deiner Trauer verkehrst."
"Ich habe wohl von einer dreisten Räuberbande vernommen," sagte ich, "aber deinen Namen noch nicht nennen gehört, weshalb ich auch glaubte, deinen Geist zu sehen."
"Satagira aber hat mich nennen gehört," fuhr der Räuber fort, "verlasse dich darauf, und da er guten Grund hat, zu glauben, daß es der richtige Angulimala ist und noch besseren Grund, diesen zu fürchten, so ist anzunehmen, daß er nicht nur unter starker Bedeckung reisen, sondern auch noch andere Vorsichtsmaßregeln treffen und sich vieler auf Täuschung berechneter Schliche bedienen wird. Indessen, obschon die Bande, über die ich gebiete, nicht sehr groß ist, soll weder das eine noch das andere ihm helfen, wenn ich nur mit Sicherheit weiß, zu welcher Stunde er auszieht und welchen Weg er einschlägt. Und dies ist es, was ich durch dich zu erfahren hoffe."
Wenn ich auch bis jetzt stumm und gleichsam in einen Bann geschlagen seiner Erklärung gelauscht hatte, ohne zu bedenken, wieviel ich mir schon dadurch vergab, so stand ich doch bei dieser Zumutung entrüstet auf und fragte ihn, was ihm wohl berechtige, zu glauben, daß ich tief genug gesunken wäre, um einen Dieb und Räuber zum Bundesgenossen zu nehmen.
"Bei einem Bundesgenossen," erwiderte Angulimala ruhig, "ist die Hauptsache, daß er zuverlässig ist, und du fühlst wohl, daß du dich in dieser Sache ganz auf mich verlassen kannst. Auch brauche ich deine Hilfe, denn nur durch sie kann ich das, was ich wünsche, mit Sicherheit erfahren. Wohl habe ich eine sonst gute Quelle für Nachrichten, durch die ich eben auch von der bevorstehenden Reise Satagiras weiß; aber wenn er vorsichtshalber ein falsches Gerücht verbreitet, so kann auch sie getrübt werden. Du aber bedarfst meiner, weil eine stolze und edle Seele in einem Fall wie dem deinigen nur durch den Tod des Verräters Genugtuung findet. Wärest du ein Mann, dann würdest du ihn selber töten; da du eine Frau bist, brauchst du dazu meines Armes."
Ich wollte ihn heftig abweisen, aber er gab mir mit einer so würdigen Handbewegung zu verstehen, er habe noch nicht Alles gesagt, daß ich gegen meinen Willen schwieg.
"Dies, edle Frau," fuhr er fort, "ist die Rache. Aber es gibt noch ein Anderes, Wichtigeres. Für dich: das künftige Glück zu ergreifen; für mich: Vergangenes zu sühnen. Mit Recht sagt man ja von mir, daß ich grausam sei, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Ja, ich habe tausend Taten vollbracht, für deren jede man hundert oder tausend Jahre in einer Erzhölle büßen muß, wie die Priester lehren. Zwar hatte ich einen gelehrten und weisen Freund, Vajacravas, den das Volk jetzt sogar als einen Heiligen verehrt, und an dessen Grab ich auch reichlich geopfert habe: der hat uns oft bewiesen, daß es solche Höllenstrafen nicht gebe, und daß der Räuber im Gegenteil das brahmandurchdrungenste Wesen und die Krone der Schöpfung sei. Doch hat er mich nie so recht davon überzeugen können....
Sei dem nun, wie es wolle. Ob es Höllenstrafen gibt oder nicht:--gewiß ist es, daß von allen meinen Taten nur eine mir schwer auf dem Herzen liegt, und zwar die, daß ich mit meinem schlauen Wahrheitsakt dich betrogen habe. Schon damals durfte ich dir nicht ins Gesicht sehen, und die Erinnerung an jene Stunde sitzt mir noch immer wie ein Dorn im Fleische. Nun wohl, was ich damals gegen dich verbrach, möchte ich jetzt wieder gut machen, soweit es noch möglich ist; die bösen Folgen möchte ich vernichten. Du wurdest durch meine Schuld von dem tot geglaubten Kamanita getrennt und an diesen falschen Satagira gebunden. Diese Fessel will ich dir nun abnehmen, so daß du wieder frei bist, dich mit dem Geliebten zu verbinden; und ich selber will nach Ujjeni gehen und ihn heil und sicher herbringen. Nun tue du das deinige, ich werde das meinige tun. Für eine schöne Frau ist es ja nicht schwer, dem Gemahl ein Geheimnis zu entlocken. Morgen, sobald es dunkel ist, komme ich hierher, um mir den Bescheid von dir zu holen."
Er verbeugte sich tief, und bevor es mir in meiner Verwirrung und Bestürzung möglich war, ein Wort hervorzubringen, war er so plötzlich von der Terrasse verschwunden, wie er erschienen war.