ie ganze Nacht blieb ich auf der Terrasse, eine willenlose Beute der entfesselten, mir unbekannten Leidenschaften, die mit meinem Herzen ihr Spiel trieben wie Wirbelwinde mit einem Blatt.
Mein Kamanita war noch am Leben! Er hatte in seiner fernen Heimat von meiner Heirat gehört--denn sonst wäre er ja längst gekommen. Wie treulos--oder wie erbärmlich schwach mußte ich in seinen Augen sein! Und an dieser meiner Erniedrigung war allein Satagira schuld. Mein Haß gegen ihn wurde mit jeder Minute tödlicher, und tief fühlte ich die Wahrheit in Angulimalas Worten, daß ich, wenn ich ein Mann gewesen wäre, sicherlich Satagira getötet hätte.
Dann zeigte sich wieder jene Aussicht, die Angulimala mir so unerwartet eröffnet hatte:--wenn ich frei war, konnte ich den Geliebten heiraten. Bei diesem Gedanken geriet mein ganzes Wesen in einen so stürmischen Aufruhr, daß ich glaubte, das Blut müßte mir Brust und Schläfen sprengen. Außerstande, mich aufrechtzuhalten, vermochte ich nicht einmal, nach der Bank zu wanken, sondern sank auf die marmornen Fliesen nieder, und die Sinne vergingen mir.
Die Kühle des Morgentaues brachte mich zu meinem unseligen Dasein mit seinen furchtbaren Fragen zurück.
War es denn Wahrheit, daß ich mich mit einem Räuber und tausendfachen Mörder verbinden wollte, um den Mann aus dem Wege zu räumen, der mich einst um das Hochzeitsfeuer geführt hatte?
Aber ich wußte ja noch gar nicht, wann mein Gemahl fortzöge! Und wie sollte ich die Zeit seiner Abreise, wie auch den genauen Weg, den er zu nehmen beabsichtigte, erfahren, wenn er ein Geheimnis daraus machte?
"Für eine schöne Frau ist es ja nicht schwierig, dem Gemahl ein Geheimnis zu entlocken"--diese Worte des Räubers klangen mir noch im Ohre und zeigten mir die ganze Niedrigkeit einer solchen Handlungsweise. Nie würde ich mich dazu entschließen können, mich durch Zärtlichkeit in sein Vertrauen einzuschleichen, um ihn dann seinem Todfeinde zu verraten. Aber gerade dadurch, daß ich dies so deutlich fühlte, wurde es mir auch klar, daß es eigentlich nur das verräterische und heuchlerische Erschleichen des Geheimnisses war, das ich so von Grund aus verabscheute. Wäre ich aber schon im Besitz des Geheimnisses gewesen--hätte ich gewußt, wo ich hingehen und eine Tafel finden könnte, auf der Alles aufgeschrieben stand:--dann würde ich sicher die tödliche Kunde Angulimala mitgeteilt haben.
Wie mir dies nun klar wurde, zitterte ich vor Entsetzen, als ob ich schon schuldig an Satagiras Tod wäre. Ich dankte meinem Schicksal, daß keine Möglichkeit für mich vorhanden war, diese Kunde zu erlangen; denn wenn ich auch vielleicht hätte erfahren können, zu welcher Stunde sie aufbrechen würden, so konnte doch nur Satagira selbst und höchstens noch ein Vertrauter wissen, welche Wege und Stege man gewählt hatte.
Ich sah die aufgehende Sonne die Türme und Kuppeln Kosambis vergolden, so wie ich dies hinreißende Schauspiel von der Terrasse der Sorgenlosen aus so oft--aber ach! mit wie ganz anderen Gefühlen--betrachtet hatte, wenn ich selige Nachtstunden dort mit dir verbrachte. Unglücklich wie noch nie zuvor, matt und elend, als ob ich in dieser Nacht um Jahrzehnte gealtert wäre, begab ich mich in den Palast zurück.